Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 98 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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G. Loeffler sehen müssen, daß noch so eifrige Verbreitung sittlicher Grundsatze in einer logisch noch so zwingenden Form den Wandel zur folgerichtigen, allgemeinen Sittlichkeit nicht herbeiführen wird, wenn zahllose Frauen aus der Not ihres Leibes zum Himmel schreien und zur Selbsthilfe schreiten. (Die ganze Entwicklung unserer Gesellschaf ts-,,Moral" macht es gewiß, daß der Mann ohne blutige Revolutionen sich solcher Einengung seines Ich nicht gefügt hätte.) Darum müssen wir das harte Entweder — Oder scharf ins Auge fassen. Entweder es bleibt bei der seitherigen Sitte, und — die „doppelte Moral" wird immer peinlichere Orgien feiern, oder aber wir wollen ernsthaft eine Welt wahrhaftiger und ganzer Sittlichkeit, dann — werden grundstürzende neue Ordnungen von Recht und Sitte unerläßlich sein. Obwohl ich, nach Proben in kleinem Kreise, belustigtes, wie auch lüsternes Lächeln, engstirniges Nichtverstehen und kaltes Nichtverstehen-wollen, aus Furcht vor Einbuße an Gewohnheitsrechten, darüber hinaus auch böswillig-freches Mißdeuten voraussehe, — so gehorche ich doch dem sittlichen Gebot in mir, indem ich sage: Es gibt nach meiner Überzeugung nur einen Weg, dem Naturrechte der im Zeichen der Einehe überzähligen, unbemannten Frauen und zugleich der Forderung nach unbedingter Gültigkeit des Sittengesetzes gerecht zu werden — nämlich die gewissenhafte Prüfung der Frage, ob nicht künftighin der Zweiehe, d. h. der Eheschließung eines Mannes mit zwei Frauen von Gesetzes wegen Raum zu geben sei. Ich verkenne keineswegs die ernsten Bedenken, die aus tiefen, seelischen Gründen gegen die Bedrohung der edlen Harmonie der Zweieinigkeit zahlreicher Ehen emporsteigen und abwehren wollen, und ich weiß deshalb, daß gerade aus den Reihen fortgeschrittener Frauen schärfster Widerspruch laut würde, obwohl es der Schaffung gleichen Rechtes für ihr ganzes Geschlecht gälte. Aber ich weiß auch, daß der sittliche Mensch „erst in der Allheit seine Kreise vollendet", daß darum vor dem Forum der Sittlichkeit dieses mahnende Rufen sich hören lassen darf, da es über dem Glück der Einzelnen die Allheit nicht vergessen mag. Die Anregung ist zudem so unerhört keineswegs. Im Morgenland ist ja auch heute noch die Mehrehe vor dem staatlichen und religiösen Gesetze gerechtfertigt Und wie ich von Angehörigen des Islam und der türkischen Nation weiß, herrschen dort in Familien mit mehreren Frauen weder rauschhaft-lustvolle Zustände, noch wird der Anspruch der Seele des einzelnen Weibes gering geachtet, und man lacht dort über das „unbegründete" europäische Vorurteil von der „größeren Sinnlichkeit" und der „geringeren Sittlichkeit" der Orientalen. Zudem weiß 98