Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 97 (sequence 14)
- Language
- German
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Geschlechtiichkeit und Sittlichkeit oder doch ausgeprägten Abartung ist) Nicht nur diesen besonderen Suggestionen, die bereits eine urhafte Generation der biblischen Zeit und nicht erst eine „bourgeoise", für die individuellen Regungen unempfängliche Gesellschaft verwarf, — sondern auch der Suggestion von der alles zwingenden Macht der Geschlechtlichkeit müssen wir darum ein entschiedenes Paroli bieten, soll eine widerliche Verzerrung des Antlitzes der Menschheit verhütet, und soll der Aufstieg zu einer auf Sittlichkeit gegründeten Weltordnung gesichert werden. Im Anfange dieser Ausführungen war die soziologische Bedingtheit der Sexualethik als dritte These aufgestellt worden. In dem nunmehr diese zum Schlüsse entwickelt werden soll, wird zugleich dargetan, daß hier nichts weniger gewollt ist als eine Vergewaltigung des Körpers oder der „Natur" durch den Geist oder durch eine Idee. Vielmehr sei es deutlich zum Ausdruck gebracht, daß wir eine Erfüllung des sittlichen Ideals und damit auch der geschlechtlichen Sittlichkeit bis in letzte Folgerichtigkeit nur erwarten, wenn dem Körper das ihm von Gott verliehene Recht nicht gewaltsam versagt wird. In diesem Bezug aber lädt die Menschheit des Abendlandes seit bald zwei Jahrtausenden eine schlimme Schuld auf sich, die „fortzeugend Böses muß gebären". Diese Schuld, die bisher in ihren Auswirkungen durchaus verkannt wird, beging man gegenüber dem weiblichen Geschlecht Es ist eine jener unerklärlichen Fügungen, daß zur Zeit der Zeugungsfähigkeit das weibliche Geschlecht das männliche der Zahl nach um etwa 10% überwiegt Daran ist nicht nur der „männermordende Krieg" schuld, der allerdings jeweils ein jähes Anschwellen jener Frauen-Überzahl zur Folge hat; vielmehr überlebt ein Mehr an Mädchen die frühe Kindheit Eine große Anzahl weiblicher Wesen muß darum nach der im Abendlande herrschenden Sitte und Sittlichkeit ohne Beziehungen zum Manne bleiben und so einer natürlichen triebhaften Anlage die Entfaltung versagen. Es verdient wahrlich allerhöchste Bewunderung, welches Maß von Verzicht seit bald zwei Jahrtausenden die Frauen aufbrachten, indem sie sich den von Männern geformten Sittengesetzen ruhig beugten. Es ist aber auch begreiflich, daß eine beträchtliche Zahl von Frauen jahraus — jahrein die Kraft und den Willen zur Askese nicht aufbringen mag, das als geheiligt geltende Sittengesetz verletzt, eine folgerichtige sittliche Ordnung in der Welt unmöglich macht und — in wachsendem Ausmaße durch die ansteckenden Geschlechtskrankheiten die Volksgesundheit schädigt Wer sich einmal diese Sachlage nach Ursache und Wirkung klar gemacht hat, wird ein- 97