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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 96

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
Date
1925-04-01
Page
96 (sequence 13)
Language
German
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G. Loeffler Vollzugsorganen sich in zwei Bahnen vollzieht, die vielfache Zwischenschaltungen aufweisen. Dem von der Geschlechts-Sphäre zum Willen und zur Muskulatur gerichteten Strome läuft ein entgegengesetzt gerichtetes, aus der Willens-Sphäre kommendes, den Trieb-Strom treffendes und regulierendes Gefälle parallel. Diese These ist physiologisch zu erhärten, nicht nur bildhaft zu verstehen. Ob nun und wie stark ein äußerer Reiz oder auch ein reizhafter Gedanke die Libido auslöst und darüber hin zur Trieb-Auswirkung (Orgasmus) oder aber zur „Sublimierung", will sagen Überleitung in die Bahn des Gestaltens schöpferischer und sittlicher Werte führt, ob Eros oder Ethos gestaltendes Prinzip wird, — das hängt nicht nur und nicht zuletzt von der „Natur" des Einzelnen ab. Angelesene und gehörte Suggestionen wirken hier stark mit Und dies gilt zumal von der Suggestion der Determination durch den Eros. Wie sollte auch ein junger Mensch, der immer wieder bei „führerischen" Schriftstellern lesen muß, daß sein Empfinden und Denken, wo es wahrhaft sei, die Einflüsse des Geschlechtstriebes verrate, — wie sollte der nicht wie gebannt auf die Regungen des Geschlechtlichen in ihm starren und harren und auch beim Schreiten nach einem sittlichen Ziel vom Rückwärtsschauen Schwindel empfinden und straucheln! Verhängnisvoll hat in besonderem Maße die Suggestion der Gewalt des gleichgeschlechtlichen Eros, der Homosexualität gewirkt Ich habe erst vor wenigen Tagen vom Freitode eines hoffnungsvollen jungen Menschen hören müssen, der lediglich unter dem Einflüsse solcher Lektüre in sich gleichgeschlechtliche Lust wach werden fühlte und aus Entsetzen und Ekel darüber den seelischen Halt verlor. Ähnliche Vorfälle und die beträchtliche Zahl von vorher „normal"-Geschlechtlichen, die nach dem Lesen von Abhandlungen über Homosexualität plötzlich ihre Aufmerksamkeit dem gleichen Geschlechte zuwenden, sind mir durchaus kein Beweis für die „natürliche" Veranlagung der Menschen gewissermaßen zu potentieller Homosexualität Vielmehr meine ich den „richtigen" Geschlechtstrieb unter dem Einfluß jener Suggestionen in eine „falsche" Empfindungs-, Willens¬ oder Tätigkeits-(Muskel-)Bahn überspringen oder — anders ausgedrückt — in einen falschen Reflexbogen abirren zu sehen. (Im Übrigen spielt hier eine gewisse Minderwertigkeit in Bezug auf die Beschaffenheit des Nervensystems meistens mit, wie ich selbst durch einzelne genaue Beobachtungen feststellen konnte; dies leitet uns zu jenen, in vorliegender Betrachtung ganz ausscheidenden „krankhaften Fällen" über, wo von vornherein Homosexualität, im Verein mit Eigentümlichkeiten der Körperbeschaffenheit, Ausdruck einer Entartung 96

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