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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 95

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
Date
1925-04-01
Page
95 (sequence 12)
Language
German
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Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit das in der Überbetonung und Überwertung des Geschlechtlichen liegt, verwiesen werden- In Erweiterung der ursprünglich nur für krankhafte seelische Vorgange geprägten Freud'schen Neurosen-Lehre hat eine Anzahl zünftiger Freud- Schüler und, ihnen gläubig folgend, haben auch Laien-Psychologen die überragende Rolle der Libido (der Geschlechtslust) im Wachen und Traumleben der Menschen behauptet Nicht nur Versprechen und Erröten, Sympathie- und Hasses-Regungen, seelische Beziehungen zwischen Vater und Tochter, Sohn und Mutler, Freundschaft zwischen Jungens und Mädels, wie auch Jünglings¬ und Männer-Freundschaften werden auf die geschlechtliche Wurzel zurückgeführt, — auch Religionen, soziale Beziehungen, künstlerische Schöpfungen und selbst das Phänomen des Genies werden von hier aus zu deuten versucht Diese Äußerungen, soweit sie von Seelenärzten getan werden, entsprechen unzweifelhaft ehrlichen, wissenschaftlichen Überzeugungen. Ihre Widerlegung darf daher nur mit den Mitteln der Wissenschaft und in deren Formen versucht werden- An dieser Stelle mag und muß es bei zwei Feststellungen sein Bewenden haben: Einmal sei darauf verwiesen, daß namhafte Psychoanalytiker, allen voran Wilhelm Stekel und neuerdings der Engländer Paul Bowers, die das psychoanalytische Verfahren theoretisch und praktisch beherrschen, die Verallgemeinerung der Neurosen-Lehre bei Gesunden und gar die Begründung einer neuen Philosophie und Ethik auf ihr entschieden ablehnen; und dann sei festgestellt, daß die weltanschaulichen Schlußfolgerungen der Freudianer zum Teile auf bizarren Spekulationen beruhen, die streng wissenschaftliche Form und Gesetzlichkeit kühnlich sprengen. Bei dieser Sachlage darf zunächst einmal Beschränkung des Meinungsstreites auf den Raum der ausgesprochen medizinisch-psychologischen Fachschriften gefordert werden. Das genügt aber nicht gegenüber den bisweilen, — wenn auch ungewollt — geradezu verheerenden Auswirkungen einer Lebensanschauung, die den Geschlechtstrieb als Motor in die Mitte alles Fühlens, Denkens, Wollens und Gestaltens gerückt sieht Ihr hat sich mit ganz anderer Kraft, ganz anderem Verantworllichkeitsgefühl als bisher die Anschauung entgegenzuwerfen, die dem Geschlechtlichen seinen metaphysischen Sinn gewahrt wissen will, jede Überbetonung aber als sinnwidrig und deshalb der reinen Religion und Sittlichkeit widerstrebend ablehnt Überbetonung aber ist uns die Behauptung der zwangsmäßigen Unterstellung schöpferischen Denkens und Tuns unter die Libido. Vieljährige eigene Beobachtung an körperlich und geistig Gesunden hat in mir Gewißheit wachsen lassen, daß das Strömen vom Geschlechtstrieb zur Willenssphäre und ihren 95

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