Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 94 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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G. Loeffler mitunter durch die Rücksichtnahme auf die Lust der Vielen am Erotischen in Wahl und Formung ihrer Stoffe bestimmen lassen. Ohne in Prüderie und Muckertum zu verfallen und bei aller Anerkennung der Tatsache, daß das Erotische auf den Gestaltungsdrang des Künstlers einen wichtigen Anreiz ausüben kann, darf doch um des hohen Zieles willen das ernste Verlangen an unsre Dichter und Schriftsteller gerichtet werden, zum mindesten den Versuch der Gestaltung aus dem Ethos heraus zu wagen, den Formkräften des Sittlichen mehr als seither den Blick zuzuwenden und nicht der Wirkung wegen erotische Szenen einzuflechten, die nicht zwingend vom künstlerischen Vorwurf gefordert werden. Einstweilen ist noch sorgsam zu erwägen, welche Bucher jungen Menschen ohne ausgeprägt kritisches Vermögen anzuraten sind, und ist scharf nach Meistern der Sprache Ausschau zu halten, in. denen und durch die das Sittliche Form gewann. Hier darf vor allem auf den nordischen Dichter Björnstjerne Björnson nachdrücklich verwiesen werden, dessen reines Mensch tum und künstlerisches Genie an Größe wetteifern. Seine noch viel zu geringe Beachtung durch deutsche Menschen dünkt mich ein beredtes Zeichen für den geringen sittlichen Schwung in Mitteleuropa. Sein, künstlerisch allerdings ziemlich bescheidenes Schauspiel „Ein Handschuh", sein Erziehungs-Roman „Thomas Rendalen" und sein Schauspiel „Der König" gingen die Kernfragen des Geschlechtlichen mit einer Wucht an wie seitdem m. W. kein Dichtwerk. Immerhin verdienen in diesem Zusammenhang des herrlichen, von den deutschen Menschen viel zu rasch vergessenen, von den Philistern überhaupt kaum beachteten Walter Flex „Wanderer zwischen zwei Wellen" mit seiner Atmosphäre von Reinheit und Kraft, Poppers „Helmut Harringa", Krogs „Alberline" und Else Jerusalems „Der heilige Scarabaeus" Beachtung und Anerkennung; die beiden letztgenannten Werke möchte ich auch nur in Händen von reiferen Menschen wissen, die die sittliche Absicht auch in sinnlich glühenden Szenen spüren und verstehen. Wesentlicher noch als Bücher unterhaltenden und künstlerischen Charakters erscheinen im fraglichen Zusammenhang die vielen Schriften, die das Sexualproblem philosophierend oder psychologisierend erörtern. Wenden sie sich doch, zum Teil wenigstens, geradezu an die Menschen der Jugendbewegung. Hiervon war bereits oben die Rede, wo Eros und Ethos als gestaltende Kräfte einer Weit wahrer Kultur einander gegenübergestellt wurden. Dort wurde im Subjektivismus des richtenden „Geistes" die Schwäche des Eros-Prinzips erblickt Nunmehr muß aber auch mit aller Deutlichkeit auf das Bedenkliche, 94