Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 93 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit Wirtschaftslage bildend. Hier sei grundsätzlich angefügt, daß mit einem Leben aus Sittlichkeit nichts weniger gemeint ist, denn ein Erdendasein ohne Schwung und Freude. Lust liegt oft im Kampf mit Sittlichkeit, Freude vertieft sie. Freude ist sich stets des Objekts und damit des Du bewußt, Lust ist immer nur aufs Jch gerichtet (vergl. hierzu M. Geigers „Phänomenologie des aesthetischen Genusses"). „Alle Lust" wünscht „Ewigkeit" — möchte ich Nietzsches berühmtes Wort abwandelnd sagen, doch alle Freude will sie klaren Bewußtseins und aus letzthiniger Verbundenheit mit der Sphäre des Religiösen. — Es ist klar, daß neben dieser, m. E. entscheidenden Arbeit all die Maßnahmen zu stehen haben und auszubauen sind, die geeignet sind, die Reizungen der Sinnlichkeit zu mildern. Hierher gehört die Pflege jeder Art von Körper und Willen stählendem Sport, hierher die weitestgehende Beschränkung des Alkoholgenusses, ganz besonders bei der akademischen Jugend. Ist doch so manche geschlechtliche Entgleisung und ihre schmerzlichen Folgen auf das Schuldkonto des Alkoholismus zu setzen. Dies ist alles längst bekannt, wenn auch immer noch nicht genügend gewürdigt und in die Wirklichkeit übertragen. Nur sei noch einmal betont, daß wir hier nicht von „kausalen", sondern nur „symptomatischen" Heilverfahren reden. Um Wesentlicheres geht es, wenn jetzt auf die schädigende, geradezu vergiftende Wirkung der Schundliteratur hingewiesen wird. Kann doch der Einfluß des Lesestoffes auf Phantasie, Weltanschauung und damit die Willensbildung dem geschlechtlichen Problem gegenüber nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Sehnsucht nach geistig-seelischer Gemeinschaft, jene Blüte am Lebensbaume unserer Tage, findet vielleicht nirgend reichere Erfüllung als in der Hingabe des jungen Menschen an das Werk des Dichters und des Dichters an die Schar seiner Leser. Bedächten's unsere künstlerischen Gestalter in Wort und Schrift mitunter eindringlicher, so bliebe mancher Stoff ungeformt, und fegte die Feder über manchen Satz nochmals hin. Das ausgesprochen schmutzige Schriftwerk einiger Pornographen, das mit allem Bedachte sich an die niedersten Instinkte der Masse wendet, ist hier nicht gemeint Es wird dem Anscheine nach vor dem Ansturm der im Wunsche nach Verinnerlichung einigen Jugend dieser sonst zerrissenen Zeit nicht Stand halten können, und der Staat wird schließlich mit der endgültigen Ausrottung auf gesetzlichem Wege leichte Arbeit haben. Aber tief bedauerlich und für unsere Aufgabe ernstlich hemmend ist der Umstand, daß auch Schriftsteller von Rang und Ruf sich unzweifelhaft 93