Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 91 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit bedenkliche Äußerungen.) Wer die blassen Gesichter mit den dunkel umränderten Augen, die müde Gesamthaltung, Fahrigkeit und Zerstreutheit jugendlicher Onanisten oft beobachtet hat, wer die Klagen der älteren anhören muß, wenn ihnen die als notwendig empfundene Angewöhnung immer schwerer wird, wer die inneren Hemmungen sah, mit denen sie dann trotz beruhigenden und gütlichen Zuspruchs in die Ehe treten, der kann das Wort von der Harmlosigkeit der Onanie nicht ruhig hinnehmen, kann auch nicht zugeben, daß lediglich die seitherige, verlogene Gesellschafts-Moral und die durch sie bewirkten „Verdrängungen" hier schuldig zu sprechen seien. Es darf und muß vielmehr dem jugendlichen Onanisten gesagt werden, was Tatsache ist: daß er sein Nervensystem schwächt und auch für die Zukunft in seiner Widerstandskraft herabsetzt, falls er diese Neigung nicht überwindet Solche ruhigsachliche, aber emdringliche Darlegung dürfte in vielen Fällen spätere Psychoanalyse und entsprechendes Heilverfahren überflüssig machen. Man hat in weiten Kreisen der Jugendbewegung auch im Hinblick auf die verbreitete Neigung zur Selbstbefriedigung des Geschlechtstriebes, aber vor allem in der Hoffnung, dadurch die ganze Sphäre des Geschlechtlichen reiner und freier zu machen, die Körperkultur im Stile der alten Griechen gefordert und versucht Man turnte und trieb Sport bei entkleidetem Oberkörper, man sonnte und badete den völlig entblößten Körper in gepflegter Harmlosigkeit vor den Blicken der Anderen, ja man wagte in einigen Gruppen — allerdings wohl nur vorübergehend — den Versuch, Buben und Mädels ohne Verhüllung gemeinsam baden zu lassen. Man hofft in kleiner gewordenem Kreise dieser Edles wollenden Menschen von neuer Beseelung der Begrüßungsformen die Rhythmen von Körper und Seele in Harmonie schwingen zu lassen und so aus dem Sinnenleben die Schwüle zu bannen. Es kann nicht bezweifelt werden, daß auf solche Weise in einer Anzahl edlerer Naturen die Sprache der Sinne gedämpft wurde. Ich sah aber auch nicht wenige, darunter führerische Menschen, die eben noch in der Jugendbewegung der Körperkultur oblagen und bald danach gleichwohl die schlüpfrigen Pfade des „unbewegten" Durchschnitts wandelten. Beginnt doch erst der eigentliche Prüfungs- und Leidensweg der zwischen sinnlichem Sollen und sittlichem Wollen hin und her Geworfenen jenseits des Schulalters und jenseits der Zeit der Jugendlichkeit und der siegesgewissen Jugendbewegtheit. Sich selbst oftmals überlassen, ohne den stützenden Arm wohlmeinender Führer, nicht selten schon in der Fremde, ist der 9t