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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 89

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
Date
1925-04-01
Page
89 (sequence 6)
Language
German
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Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit hierbei, daß jener Gelehrte ganz gewiß „Bergpredigt" und „Neues Testament" nicht kannte, also ganz aus jüdischer Seele schuf!) Für die praktische Geschlechts-Siltlichkeit darf man — leider — einstweilen den Wert der religiösen Sittenlehren nicht ü&erschätzen. Wissen ist eben nicht mit Willen gleichzusetzen, und manch einer kennt recht wohl die Sittenlehren seiner Religionsgemeinschaft, ohne sie zu leben. Fehlt doch zahllosen heutigen Menschen die lebendige Religiosität, Religion als Erlebnis, Gott-Bezogenheit seines Ich, woraus allein wirklich formender Einfluß auf seine Haltung im Leben erblüht Das Erlebnis des Religiösen und des Sittlichen als Lebenswert und gestaltende Lebensmacht wird — wie ich als Psychologe, Arzt und Jugendführer gar oft beobachten konnte, — uns selten vor dem 18. bis 20. Lebensjahre zuteil. Drum ist's dennoch Recht und Pflicht, daß durch beseelte Menschen, denen jenes Erlebnis beglückend oder aufrüttelnd zuteil wurde, der Jugendliche während der Schulzeit darauf vorbereitet werde, ohne seiner Seele Zwang anzutun. Was von der „Aufklärung" im jugendlichen Alter für das Werden einer wahrhaft sittlichen Welt zu erwarten ist, ward eingangs deutlich genug gesagt Aufklärung in diesem Lebensstande ist nötig, um den Jüngling und das Mädel vor peinlichen Erfahrungen, Verlockungen und Versuchungen und deren mitunter Shock-artigen Wirkungen zu bewahren. Sie ist auch nötig, um der Vergiftung kindlicher Phantasie durch Geschwätz und Getuschel neugieriger und frühreifer Mitschüler vorzubeugen. Neben der Phantasie-Erregung durch das Gerede Gleichaltriger sind's vor Allem Neugier und Reiz des Geheimnisses der Geschlechtsliebe und des menschlichen Werdens, auf das man irgendwie lesend oder lauschend traf, die den Zeitpunkt notwendiger erster Aufklärung bestimmen. Waches Auge und Ohr von Eltern und Lehrern sind darum von Beginn des zweiten Lebensjahrzehntes an nötig. Man hüte sich, zu früh das große Mysterium zu enthüllen, zu früh Phantasie und geordnetes Denken des Kindes zu beunruhigen. Denn auch zu frühe Aufklärung kann peinliche Folgen zeitigen, Ekel, Weltschmerz, Verzweiflung, die schon manchen Schülertod verursachten. Die Darlegung des Geschlechtlichen erfolge darum auch nur schrittweise, dem Fragen des jungen Menschen gemäß. Ihm ist zumeist im Anfang am Besten gedient, wenn man ihm vom „Wunder des Lebens" spricht, ganz im Sinne des fein erfühlten gleichnamigen Büchleins von Gertrud Prellwitz. Man tue es unter allen Umständen mit heiligem Ernste. Denn das oft bemerkte und vermerkte Kichern und Grinsen der Schuljugend bei anzüglichen Stellen ist gewöhnlich nur der Vorhang, hinter 89

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