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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 87

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
Date
1925-04-01
Page
87 (sequence 4)
Language
German
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Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit Prinzips gegenüber. Freilich ist mit solcher Triebbejahung nichts weniger als ungezügelte rohe Sexualität, auch nicht Unsitllichkeit gemeint Man will aus freigewachsener Sitte neue, wahre Sittlichkeit werden lassen. Und dieses Werden erwartet man, wenn der freigegebene Trieb und seine Forderung sich jeweils vor dem Gerichtshof des Geistes rechtfertigt Doch hier sehe ich den gefahrdrohenden Strudel dieser geistigen Strömung, und hier wird sich die Überlegenheit der normativen Sittlichkeit mit ihrem kategorischen Imperativ zu erweisen haben. Der menschliche Geist ist einstweilen noch weitab von Unbedingtheit, und eben seine Bedingtheit durch zahllose innere und äußere Gegebenheiten des Individuums wird aus seinem Richtspruch über das Verlangen des Triebes letzthin doch durchaus subjektive, ichbetonte und lustbesetzte Haltung erstehen lassen. Daraus aber kann nicht Sitte noch Sittlichkeit erwachsen. Dies erwies der in der Jugendbewegung viel erörterte, zwischen Verzückung und Lüsternheit schillernde „Fall Muck—Lamberti", und nicht minder die um Unbedingtheit ringende „Spannungs"-Theorie von Fritz Klatt, die in letzter Folgerichtigkeit zu Dauer-Askese und so zu Verneinung des Triebs in praxi führen müßte. Zwischen solchen Extremen hat eine schmerzliche Hilflosigkeit gegenüber dem Verlangen des Geschlechtstriebs Raum. Wahre Sittlichkeit aber in der Beziehung der Geschlechter, wie wir sie meinen und zum Siege führen möchten, muß aZZgültig und aWbündig sein, muß als kategorischer Imperativ wirken. Um zu diesem Zielpunkte zu gelangen, haben wir den Geschlechtstrieb als natur- oder, — in der Sprache der Religion gesprochen, — Gott-gegeben zu bejahen, freudig anzuerkennen, ihn aber zugleich in die Sphäre wahren Menschentums einzubeziehen, in das alles umgreifende, allen gebietende Bereich des Sittlichen. Dies aber bedeutet Absage an jene Kreise, die um Anerkenntnis einer den unterschiedlichen Völkern angepaßten, also relativen „Sittlichkeit" werben, und auch an jene, die dem individuellen Geiste das letzte Wort über den Schrei der Sinne lassen möchten, also auch ihrerseits die Sittlichkeit relativieren. Das Vollzugsorgan nun der jeden Augenblick im Angesicht des Absoluten waltenden sittlichen Welt ist der reine, der sittliche Wille. Er gestaltet aus dem Wissen heraus, daß das Ich in jedem Zeitpunkt seines Tuns einem Du verbunden ist, und daß von diesem „Wir" das lapidare Wort aus den ersten Spalten der Bibel gilt: „Im Ebenbilde Gottes schuf Er den Menschen". Sittlicher Wille wird darum nur den Antrieb Handlung werden lassen, der nicht zur Kürzung der Würde 87

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