Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 86 (sequence 3)
- Language
- German
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G. Loeffler Zusammenhang geäußerte Ablehnung der Kant'schen normativen Ethik machte die Verallgemeinerung solchen Beispiels zweifelsfrei Freigabe und Heiligung des Triebes für die Volkheit aber umschließt, wenn auch vielleicht nicht nach dem Willen der Bekenner solcher Geistigkeit, die furchtbare Gefahr, daß auch der einzelne seine Triebhaftigkeit als oberstes Gesetz empfindet Eine Welt der Sittlichkeitsverneinung wäre das Ergebnis. Daß mit solcher Lebens-Auffassung nicht wenige Menschen deutscher Zunge Ernst machen, zeigt ein Blick auf das gegenwärtige innerpolitische Getriebe. Wer aber mag sich wundern, wenn solche Haltung auch für die Antriebe der Sinne freie Bahn dem Einzelnen verlangt, auch wenn gerade hier, — das sei um der Wahrhaftigkeit willen betont, — die Führer besondere Beschränkung um des Volkes willen verlangen. Man mag solche Einstellung als zeitgeboren und darum flüchtig erachten, als geboren aus verletztem Stolz und Trotz eines ganzen Volkes und zumal seiner mehr triebhaft konstituierten Sohne. Dies trifft aber ganz gewiß nicht zu für die andere, vorwaltend von geistig stark bewegter Jugend mit feierlichem Ernst verkündete Anschauung: daß dem Geschlechtlichen im Menschen eine sieghafte Macht innewohne, der Raum zu geben sei. Aus einer zwiefachen, doch unter sich verbundenen Quelle ist diese Auffassung entsprungen. Einmal aus der für die Seelenkunde und Heilkunst hochwichtigen, vielfach genialisch genannten Entdeckung Siegmund Freuds, daß zahlreiche seelische Störungen (Neurosen) auf verdrängte Geschlechtsempfindungen zurückzuführen seien, und dann: aus der Revolution der deutschen Jugend gegen die seitherige Unwahrhaftigkeit der „Gesellschaft". Als unwahr und heuchlerisch empfand man auch, — allen voran die Kreise um Gustav Wyneken und Hans Blüher — die Art, wie man bis dahin von dem naturgegebenen Geschlechtstrieb und seinen gemilderten, abgewandelten Äußerungen in den Beziehungen der Menschen untereinander gesprochen, und wie man ihn mißhandelt hatte. Darum jubelten die Führer der Freud'schen Lehre zu. Sie gedachten überdies der alten Hellenen und ihres offenen Liebesspiels, gedachten zumal des Mythos vom Eros in Piatons „Gastmahl". So kam's, daß durch Jahre in deutschen Gauen, auf deutschen Auen ein Hymnus auf den Eros erklang, und daß heute noch beachtsame Kreise edel gearteter Jugend die Erneuerung des Lebens von einer rückhaltlosen Bejahung des Geschlechtlichen erwarten. Der Hoffnung auf den endlichen Durchbruch des ganzen Ethos in der Welt stellt sich die Hoffnung auf die Überlegenheit des Eros als gestaltenden 86