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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Kulturzusammenhänge
Date
1925-04-01
Page
81 (sequence 10)
Language
German
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Kulturzusammenhänge ist, brachte eine Krisis des jüdischen Kulturlebens. Ihr Ergebnis war vielerwärts der kulturlose jüdische Individualist, der Mensch eines seelischen Anarchismus, der Mensch ohne Halt und ohne Haltung, ohne innere Lebenssicherheit und ohne Lebensstil, der Mensch, der unter einer Zivilisation seine Kultur eingebüßt hatte, der Jude, der kein Jude war, weil er die bestimmenden Linien seines Lebens nicht kannte. Erst allmählich sind sie mehr und mehr wiedergewonnen worden. Die Kultur kam wieder, als zunächst die Richtung wieder entdeckt, als mit dem Ideal das Bewußtsein der Geschichte und der Gemeinschaft wieder lebendig wurde. Es ist die Aufgabe der Gegenwart, dem jüdischen Leben in seinen neuen Tagen diesen seinen seelischen Zusammenhang wieder zu festigen. Mit dieser dreifachen Bestimmung der Kultur ist aber über die Kulturzusammenhänge noch nicht alles gesagt Seit das Menschheitsleben seine Zeiten hat, gibt es Wanderungen von Völkern und Kulturen. Gebiete werden erobert oder werden verloren. Geistige Verbindungen werden geschlossen und schaffen neue Gemeinschaft, die sich dann zu neuer Geschichte gestaltet Wie die Geschichte Gemeinschaft bildet, so bewirkt auch die Gemeinschaft Geschichte; meist ist diese die frühere, aber bisweilen auch jene Neue Zusammenhänge entstehen. Manche Kulturen haben so ein zweifaches Dasein, das eine innerhalb der gegebenen, ursprünglichen Gesamtheit, das andere über ihre Grenze hinaus. So haben auch die Gedanken des Judentums dieses doppelte Leben. Kultur ist Durchdringung einer Welt durch einen Geist; diese Welt kann zunächst ihre engere und dann neben ihr die weitere Erstreckung haben, und diese Durchdringung kann hier eine intensivere und dort eine extensivere sein. Vor allem ist es das Problem der Religion, das hiermit einsetzt Es ist die Leistung der Religion, wenn sie nicht bloße Stammesreligion ist, daß sie eine Kultur schafft, die über einen bestimmten Kulturbezirk, über eine geschichtlich gewordene Gesamtheit, über den Staat, über das Volk, über die besondere Gemeinschaft hinausgeht Sie dehnt ihre Linien darüber hinaus, sie will eine Welt sein, die nicht nur diese eine geschichtliche Welt in sich schließt Und das Eigentümliche der monotheistischen Religion ist, daß ihre ideale Kultur die des einen Reiches ist, das alle Geschichtsbereiche umfassen soll. Sie erstreckt ihre Vertikale bis zum Beginn der Menschheit, ihre Horizontale bis zu den letzten Grenzen der Völker, ihre Richtung bis zum Ende der Tage. Das ist der Universalismüs ihrer Kultur. Und noch mehr, 81 6

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