Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 82 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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L. Baeck sie reicht hinein in die Welt aller Welten, in das unendlich und unvergänglich Seiende. Das ist ihre Ewigkeitskultur. Sie ist die Kultur, die alle anderen in sich aufnehmen und dadurch ordnen und zusammenordnen will, so daß die Grenzen der einzelnen nicht eine Trennung, sondern eine Verbindung seien. Durch diese seine Religion wird der Mensch ein „Bürger zweier Welten" auch in dem Sinne, daß er dem engeren Kreise seiner besonderen Kultur und dem weiteren seiner Religion zugehört In der Geschichte, in der Gemeinschaft, in der Richtung ist er in beiden, in sie beide wird er hineingeboren. Zwischen diesen beiden Welten auch kann der Konflikt entstehen, und in verschiedener Weise ist dann versucht worden, ihn zu lösen. Völker haben sich nicht selten in die Fiktion begeben, daß ihr Bezirk, der Bezirk ihres Landes, und der Bereich der Religion zusammenfallen. Die sogenannte Staatskirche sollte diese Einheit geben. In ihr ist immer die Religion verkümmert und der Staat erstarrt Das Ergebnis war immer ein Nationalismus ohne Religion oder ein Konfessionalismus ohne Kultur. Oder man hat die eigene Kultur, das eigene Volk, den eigenen Staat vor die Religion gesetzt, man hat den Primat der Religion verworfen, die eigene Kultur mit ihren Zwecken und Interessen zur Religion erklärt Das Ergebnis war immer ein Pakt mit Menschlichem, allzu Menschlichem an Stelle des Bundes mit Gott Das Reich Gottes wurde an das Reich eines Volkes verraten, die Welt des Ewigen an die Welt eines Staates verkauft Oder man hat auch bisweilen um der Religion willen jede andere Kultur negiert Das Ergebnis war immer ein Einsiedlertum, das die Welt jeder Geistlosigkeit und Richtungslosigkeit überließ. Die wahre Lösung des Konfliktes ist die allein, daß er immer neu wird, immer neu, indem jede Kultur immer wieder ihre Beurteilung durch die Religion erfährt, der Geist jeder Kultur sich immer wieder rechtfertigen soll am Geiste der Religion. Die Religion wird zum richtenden Maßstabe für jede Kultur. So ist es jener notwendige Konflikt, der allein zur Selbstbesinnung führt Das Ich soll sich verstehen lernen, das Ich des Individuums an dem Ich seiner besonderen Kulturwelt, das Ich dieser Kulturwelt an dem Ich der Religion. Es ist jener Konflikt, der den Menschen wahrhaft zu sich selber hinführt, zu seinem Großen, seinem Seienden und Bleibenden Er ist der schöpferische Konflikt und er ist darum die wahre Synthese, denn er verhüllt nichts und verleugnet nichts, er heißt den Menschen, nicht neben sich her, noch an sich vorübergehen, sondern zu sich selber kommen. In diesem Sinne kann es von der Religion gesagt werden, daß sie eine stete Krisis 82