Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 80 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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L. Baeck Weg soll in sich selbst bleiben. Die Statik wird zum Prinzip erhoben, das Patriarchalische zum letzten Sinne des Lebens gemacht. In der Starrheit der vertikalen Linie wird die horizontale starr; das Leben in der Kultur wird zur bewußten steten Wiederholung. Ein besonderer Lebensstil ist damit geschaffen worden, der Gegensatz zu dem jüdischen. Alle Kultur gibt einen Lebensstil; der Einzelne gewinnt ihn, indem er den Zusammenhang mit seiner Kultur besitzt Durch diese Verbundenheit hat er den starken Halt, den gefestigten Schritt, die Sicherheit seines Lebens. Georg Simmel hat die Kultur definiert als den Weg der Seele zu sich selbst Sie ist in der Tat ein Entdecken und Erfassen des eigenen Lebens, der Mensch gelangt zu ihr in seinem Ich. Denn das Ich des Menschen ist nicht bloß das Ich, das mit dem Tage der Geburt in die Welt hinauszublicken begann, dieses begrenzte Leben. Sein Ich ist doch vielmehr auch die Reihe der Generationen, deren Leben zu dem seinen geworden ist, und ist die Gemeinschaft, in deren Breite sein Leben sich weitet, und ist die Zukunft, in der sein Leben seine Richtung erfährt Das ist wahrhaft sein Ich, seine Seele mit ihrem Suchen und Finden. Wenn er darum weiß, dann weiß er um die Kultur seines Lebens. Manche Zeiten können diesen Weg der Seele zu sich erschweren und hemmen oder auch abzulenken suchen. Jede Revolution hat die Tendenz, die Senkrechte und Wagrechte des Lebens zu verändern, sie bedeutet zunächst einen gewissen Bruch der Kultur. Sie bringt jenen Individualismus, in welchem der Mensch sich gegen seine Geschichte und gegen seine Gemeinschaft stellt oder wenigstens nahe daran ist, den Zusammenhang mit ihnen, die Linie seines Lebens und damit die Sicherheit des Empfindens und Wissens zu verlieren. Es sind wohl zumeist notwendige Zeiten, aber Zeiten, welche die Gefahr einer Kulturlosigkeit heraufzubringen drohen. Und es kommt dann viel darauf an, ob die Kultur wenigstens ihre bestimmende Richtung zu eigen hat, durch die dann Geschichte und Gesamtheit ihren Sinn und ihre Kraft wieder zurückgewinnen. Ein deutliches Beispiel bietet das europäische Judentum des letzten Jahrhunderts. Das Judentum hat in dieser Zeit eine Revolution zu bestehen gehabt, eine jener notwendigen, die nicht von Menschen, sondern von Zeiten bewirkt werden, eine Revolution, die zugleich in einen Klimawechsel sondergleichen hineinführte. Der Auszug aus dem Ghetto war diese Umwälzung. Er brachte eine völlige Umwandlung auch des zivilisatorischen Milieus, die sich zudem in einer Zeit vollzog, in der die Zivilisation überhaupt neue Gestaltung erfuhr. Diese Revolution, die in ihren Wirkungen noch nicht beendet 80