Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 79 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kultlirzusammenhänge die Sicherheit des Besitztums in sich schließen, aber nicht die Spannkraft des Erneuerns haben, sie wird mehr statisch als dynamisch sein. Es gibt Kulturen, die voll des gefestigten Eigentums an Geschichte sind und voll des Reichtums der Gemeinschaft, aber mehr und mehr erstarrt sind, saturierte Adelskulturen, weil ihnen ein drittes, was der Kultur eigen sein kann, abgeht: die Richtung. Ihre beste Lebenskraft ist einer Kultur gewährt, wenn zu jener Senkrechten und jener Wagrechten noch dieses Weitere tritt, die Richtung, oder was dasselbe ist, der Zukunftsgedanke, die messianische Idee. Ein Kulturleben kann ohne sie sein, aber die stärkste Gewißheit gewinnt es nur durch sie. Durch sie wird es gegeben, daß nicht nur das gesicherte oder befriedigte Bewußtsein, zu leben, sondern das bestimmende Bewußtsein, leben zu sollen, und damit das Bewußtsein, nie fertig zu sein, die Kultur erfüllt. Sie bedeutet nun auch die Lebensaufgabe, das Leben um eines Menschheitszielcs willen. Sie hat nun nicht allein einen Weg zu sich hin und nicht nur einen Platz, welcher der ihre ist, sondern sie hat auch die Bahn zu einem Platz des Kommenden. Ihre Richtung, ihr Zusammenhang mit der Zukunft ist ihr gegeben. Sie hat nun freilich auch ihre besonderen Konflikte, die Zwiespalte zwischen Geschichte und Ideal, zwischen Gemeinschaft und Sehnsucht Der jüdischen Kultur ist diese Richtung, diese Verbundenheit mit der Zukunft — und sie ist wohl die wirksamste Verbundenheit — eigentümlich. Das Leben des Juden kann nicht ohne das Ideal sein. Andere Kulturen haben die starke Gewißheit ihrer Geschichte und ihrer Gemeinschaft, aber sie sind richtungslos, zukunftslos geblieben. An dieser Zukunftslosigkeit ist die griechische, ist die römische Kultur gestorben und wird manche Kultur sterben. Das Judentum hat in der Zukunftsgewißheit eine charakteristische Lebenskraft Sie ist das eigentlich Motorische, das in ihm ist, und wo dieses anderwärts wirkt, ist es wesentlich von ihm ausgegangen. Ein Besonderes ist damit in die Kultur hineingekommen: eine heilige Unzufriedenheit, ein Gebot, welches das Fernere und Fernste fordert Der Gedanke der Vergänglichkeit, der Gedanke des Abstieges, den die Geschichte, da sie eine Entwicklung ist, in sich fassen kann, wird damit überwunden. In einer anderen Kultur, der bedeutungsvollen chinesischen, ist versucht worden, durch ein Gegenteiliges, durch die Idee der stetigen Erhaltung, der reinen Konservierung ein Gleiches zu erreichen. Der Unterschied und Zwiespalt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft soll aufgehoben, das Werden und Wandeln von. Generation zu Generation beseitigt sein; der 79