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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Kulturzusammenhänge
Date
1925-04-01
Page
78 (sequence 7)
Language
German
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L. Baeck sich, in dieser Zeit, wo der Mensch etwas Genialisches in sich zu fühlen meint, wo er die Schwingen seines Wesens ausbreiten möchte, um emporzufliegen, und glaubt, daß nur die Wände und Dächer der Gemeinschaft, alle die Pflichten und Ansprüche, mit denen sie ihn umgibt, den Aufstieg hindern. Das Recht des genialen Menschen ist es, gegen die Gemeinschaft zu stehen, es ist sein Recht auf das Anarchische und Radikale, da er in sich ein Neues darstellt und darum einen neuen Mittelpunkt, die Forderung neuer Gemeinschaft bedeutet Alles Geniale ist zunächst ein „Ferment der Dekomposition". Aber eben nur das Genie hat den Anspruch hierauf, weil es allein die Fähigkeit hierzu hat, die Fähigkeit, sich zu genügen, ohne zu verarmen, die ganze Kraft aus den Wurzeln zu ziehen. Und das Genie ist selten; die Menschheit könnte es nicht ertragen, viele zu besitzen, da jedes Genie eben eine Krisis ist, um so mehr, je mehr sich seine Leistung auf das eigentlich Menschliche richtet Der Nichtgeniale, der gegen die Gemeinschaft oder auch nur neben ihr leben will, wird, wenn er ein Mensch des Talentes ist, ein Sonderling nur werden, das sogenannte falsche Genie, und wenn er nur in einer Enge der Begabung ist, wird er zuletzt der Misanthrop, der die Feindschaft, in der er mit sich selber lebt, auf die anderen, die Menschen der Gemeinschaft, abzuleiten sich bemüht Auch hier gibt es die Tragödien, die seltenen, und die häufigen Komödien, und darunter sind die Lebensdramen auch derer, die das Verlangen nach der anderen Gemeinschaft in sich tragen, dieser Heimatlosen und Wanderer im Lande. Auch wer außerhalb der Gemeinschaft sein will, bleibt im Grunde außerhalb seines Lebens. Auch ihrer kann sich keiner, ebensowenig wie der Jahrhunderte seines Lebens entschlagen, ohne es an seinem Ich, an seinem Lebenszusammenhang einzubüßen. Das Verhältnis der beiden Linien zueinander kann ein verschiedenes sein. In derselben Kultur kann die eine nur geringe und die andere eine große Erstreckung haben, die eine ihre Stärke besitzen, die andere sie entbehren. Wie die Geschichte, so kann die Gemeinschaft sowohl ihre Inlensivität wie ihre Extensivität haben. Sie wird auch ihren besonderen Charakter haben, je nach dem sie die Gemeinschaft der vielen wird oder die der wenigen bleibt oder bleiben will. Aber für jede Kultur sind diese beiden, die vertikale und die horizontale Linie, eigentümlich, nur aus ihnen heraus entwickelt sie sich. Durch sie ist jedoch noch nicht alles bezeichnet Wenn eine Kultur nur diese beiden Linien hat, dann kann sie zwar eine Kultur sein, die ihre Bedeutung hat, aber ein Wesentliches wird ihr noch abgehen. Sie wird 78

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