Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 77 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kulturzusammenhänge tiefer, bis der Mensch daran seelisch stirbt, oder die heilende große Sehnsucht in ihm erwacht und ihn zu seiner Welt, zu den Jahrhunderten seines Ich zurückgelangen läßt So ist es Heine zuletzt zu seinem Leben geworden. Je geistiger, je intellektueller einer veranlagt ist, desto zackiger und schärfer wird dieser Bruch, der Mensch endet in einem geistigen Flagellantentum, in dem er sich selber martert, in jede alte Wunde eine neue reißt und sich schließlich vernichtet; so ist es das Ende Weiningers gewesen. Auch die, meist kaum bewußte und nur dem schärferen Blicke erkennbare, Tragödie kann es sein, daß einer' immer nur neben sich hergeht, sein Leben lang an den Rändern seines Lebens bleibt und zu seinem eigensten Können so nicht gelangt, den letzten, den wahren Ausdruck seiner Begabung, den Ton seiner Seele nicht findet Er kommt zu seiner Erfüllung, zu dem Werke seiner ganzen Kraft nicht, weil er nicht erfährt oder sich dagegen sträubt und wehrt, zu erfahren, wo sein Leben wurzelt, von wo es den Ausgang seiner Gewißheit und Sicherheit nimmt Am letzten Ende bleibt er darum in der bloßen Technik, wie vollendet sie auch sei, in der Virtuosität des Denkens und Empfindens oder des Tuns. Manch ein Name spricht hiervon auch, von dem Menschen ohne sein Letztes. Diese vertikale Linie bezeichnet den stärksten Zusammenhang. Alle Verbundenheit hat aber auch ihre Erstreckung in die Breite, ihre horizontale Linie. Denn alle Geschichte, alle Kultur schafft dauernde Gemeinschaft Es gibt keine Sonderkultur eines Einzelnen, so wenig Geschichte das Leben eines Einzelnen ist Alle Kultur stellt den Menschen in eine Gesamtheit hinein, in ihr, in der Zugehörigkeit zu ihr wird er seiner Geschichte bewußt und besitzt er seine Kultur. Im Mittelalter schrieb man die Romane von dem ohne Gemeinschaft werdenden Menschen, von dem Menschenkinde, das auf einsamer Insel ohne Beziehung zu anderen sein Leben gestaltet und alle Kultur nur von sich her gewinnt In der Welt der Wirklichkeit ist es anders, hier erlangt sie der Mensch nur als der Teil eines großen Ganzen. Auch hier entstehen darum die Zwiespalte und die Konflikte. Die gegebene Gemeinschaft kann als Druck und Beschränkung, als Hemmnis der Entfaltung empfunden werden. Der Wunsch nach Freiheit wird zum Verlangen nach Freiheit von der Gemeinschaft Schon innerhalb der engsten Gemeinschaft, der Familie kann es so sein. Das Individuum will nur sich selbst angehören, es will ganz Individuum sein, unverbunden und unbeengt Wohl jeder Suchende und Ringende hat diesen Widerstreit einmal durchzukämpfen gehabt In der Lebenszeit des Sturmes und Dranges regt er 77