Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 76 (sequence 5)
- Language
- German
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L. Baeck Er kann die Tragödie eines Lebens werden, aber er ist noch häufiger die Komödie. Es ist die Komödie des Menschen, welcher meint, daß die Geschichte seines Lebens ein Gewand oder eine Maske sei, daß er imstande sei, das abzulegen, was er ist, daß er sich selber zu entweichen oder vor sich selber sich zu verstecken vermöge, daß er sein Leben unsichtbar machen könne. Wenn einer aus einer Kultur der Wenigen, der Verfolgten und Bedrückten hervorkommt, dann kann sich in ihm dieses Verlangen einstellen, nicht als der unter den Menschen zu sein, der er ist, das Verlangen, gewissermaßen eine Schutzfarbe anzunehmen. Vielleicht wird dies dort, wo jemand einer Kultur ohne starken Ausdruck angehört, auch gelingen können. Wo aber einer durch eine tief dringende Geschichte in seinem Wesen ausgeprägt worden ist, dort wird dieser Versuch zumeist einen Bruch im Persönlichsten des Menschen entstehen lassen. Bisweilen kann dieser Bruch verborgen bleiben unter dem Nichtwissen eines gepflegten matten Ästhetizismus, unter der Täuschung eines dünnen farbigen Scheines oder unter jenem "Spotten, welches das eigene Ich und alles verspottet, weil es um das Gebrochene im eigenen Innern weiß. Aber zumeist zeichnet er das Leben, ein Gezeichneter geht durchs Dasein, eine Figur der Komödie oder gar eine Possenfigur, der Mensch, der sich vor seinem Leben verstecken, der nicht sich erkennen noch gekannt sein will, der ein Mensch der Kultur, ein Aristokrat sein konnte und sich selber zum Parvenü gemacht hat In tieferen Persönlichkeiten wird der Kampf zur Tragödie. In ihnen ist nicht ein bloßes Verlangen der Nützlichkeit, sondern es ist hier der seelische Zwiespalt des Menschen, welcher glaubt, seiner eigenen Geschichte widersprechen zu müssen, ihr entweichen zu sollen, weil seine Seele nach einer anderen Geschichte, nach einer anderen Kultur wie nach einem Lande der Verheißung sucht — die Tragödie eines Heinrich Heine, das Trauerspiel eines Otto Weininger. Es ist der tragische Kampf des Menschen gegen sich selbst, seiner Jahrzehnte gegen seine Jahrhunderte. Er ist desto tragischer,, je stärker eine Kultur ist Im Tiefsten ist das Bemühen ein vergebliches. Der Mensch kann sich vielleicht von seinen Jahrzehnten lossagen und loslösen, vielleicht auch von seinen Eltern und Großeltern, aber er kann nicht von seinen Jahrhunderten, von der Reihe der Ahnen loskommen. Die Persönlichkeit, wofern sie es ist, welche es doch will, zerbricht daran. Keine Ironie, die von dem Ernst dieser Tragödie befreien will, indem sie nichts ernst nimmt, kann davor retten. Das Ende ist der innerliche Riß, je tiefer der Mensch begabt ist, desto 76