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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Kulturzusammenhänge
Date
1925-04-01
Page
75 (sequence 4)
Language
German
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Kulturzusammenhänge Diese Vertikale kann wie in ihrer Ausdehnung, so in ihrem Gehalte verschieden sein- Sie ist bald schwächer, bald dichter und fester gewachsen. Hier wirkt in einer Weite von Welt nur ein Weniges von Geist durchdringend und bildend; die Kultur ist extensiv, sie nähert sich der bloßen Zivilisation. Dort ist der Bereich enger, aber ein lebendiger Geist hat ihn immer neu durchackert und gestaltet; die Kultur hat ihre Intensivilät So kann es eine Geschichte höherer oder minderer Stärke sein, die den Einzelnen formt; Jahrhunderte mit größerer oder geringerer Geschlossenheit und Kraft können ihn aus sich hervorgehen lassen. Die Seele des Juden gibt wieder ein Beispiel. Das Leben aller der jüdischen Generationen war ein Kampf, der zu bestehen war, ein Kampf, in dem wenige den vielen gegenübergestellt waren, und, was noch schwerer wog, es war immer ein Kampf auch gegen die äußeren Tatsachen und damit gegen den seelischen Druck, mit dem die steten Siege und Erfolge aller der anderen auf den Gemütern lasteten, ein Kampf, der dafür immer weder die Matten und Haltlosen aussonderte. Die eigene Kultur mußte nicht bloß, wie bei den anderen, übernommen und erworben werden, sondern sie mußte erstritten und errungen sein, und nur, wer das vermochte, konnte sie besitzen. Das Eigentum verlangte oft ein Heldentum. Dieses Eigentum war zudem das Innerste und Tiefste, es war ein Eigentum an den ewigen Gütern den Kampf dafür forderte das Gottesgebot So erhielt das Leben der Jahrhunderte seine Intensivität, seine Energie, die den Einzelnen immer entschiedener bestimmte. In diesem Zusammenhang mit den Jahrhunderten liegt ein Schicksal des Menschen, das Schicksal in seinem tiefen Sinne, das in jeder Ausprägung gegeben ist Der Wilde ist schicksalslos, weil er unausgeprägt ist, er hat vielleicht einen Schmerz oder einen Kummer, einen Wunsch oder eine Hoffnung, aber er hat kein eigentliches Schicksal seines Lebens. Mit diesem, wie mit einem jeden Greschicke kann ein Zwiespalt in das Leben des Menschen eintreten. In seinen Jahrhunderten hat der Mensch seine stärkste Verbundenheit, aber er kann sie bisweilen nur als Gebundenheit empfindend Er hat durch sie seine bestimmteste Ausdrucksfähigkeit, aber sie kann ihm bisweilen als die Begrenztheit seines Ausdrucks erscheinen. Sie ist, da sie ihn nicht nur in seinen Jahrzehnten leben läßt, seine stärkste Lebenskraft und Lebenssicherheit, aber sie kann ihn bisweilen wie ein Lebenszwang bedrücken. So erhebt sich der Kampf der Individuen gegen ihre Jahrhunderte, aus denen heraus sie geboren sind 75

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