Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 74 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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L. Baeck Geistige zum Ausdruck. Aber ebenso ist sie daher nicht ohne diese ihre bestimmte Welt; sie ist kein abstraktes Geistiges, sie ist nicht im Reiche der Ideen. Kultur ist auch keine reine Innerlichkeit, keine bloße Pflege persönlichen Lebens, sondern sie ist immer eine Beziehung zur Welt, ein Arbeiten und Wirken in ihr. Inneres und Äußeres verbinden sich darin, es ist die Durchdringung einer Welt durch einen Geist, die Betätigung eines Geistes in einer Welt. In diese Kultur seines Geschichtskreises ist der Einzelne eingefügt Es ist ein dreifaches, worin diese Verbindung besteht und zu einem Lebenszusammenhange wird Zunächst zeigt sie sich als eine vertikale Linie. Das Individuum, das aus einem geschichtlichen Boden erwächst, ist vor Jahrhunderten geboren. Sein Leben begann, als vor ihm Geschichte begonnen hatte. Es ist schon gewesen, lange ehe dieses sein individuelles Dasein anhob. Seinen Erdenweg trat es an, erfüllt von dem Leben vor ihm. In ihm ist ein Wesentliches von dem, was alle die Geschlechter, von denen es herkommt, dachten und erkannten, empfanden und hofften, fürchteten oder ersehnten. Sein Geschick liegt nicht in dem nur, was ihm begegnet, sondern mehr noch in dem, was seinen Vorfahren Lebensfügung war. Der Wilde erbt körperliche Eigenschaften, Triebe und Instinkte, aber er erbt kein eigentliches Leben. Der Mensch der Kultur tritt in ein Lebenserbe ein, er 1 hat als seinen Lebensbesitz das Leben der Generationen, von denen das seine ausgeht Es ist ein Eigentum, das er nicht ablehnen, und aus dem er sich nicht herauslösen kann. Diese Erstreckung in die Geschichte kann länger oder kürzer sein. Es gibt ältere Kulturen und jüngere, Gesamtheiten, die in der Weite der Zeit und die in der Begrenztheit der Tage sind. Die einen blicken in die Welt mit Augen, aus denen Jahrtausende schauen, und hören die Welt mit Ohren, die die Jahrtausende vernommen haben, während in dem Sehen und Erfahren der anderen vielleicht nur wenige Jahrhunderte sind Es gibt ein Denken und Fühlen das vielen Geschlechtern von Seelen, und eines, das wenigen entstammt Hier hatte ein Leben, eine Kultur schon die Dauer der Geschichte, als dort eine bloße Existenz erst bestand; hier war ein Geistiges, Seelisches weitergewachsen, als dort nur erst ein Körperliches, Triebhaftes vererbt worden war. Und es kann ein Platz der Konflikte sein, wenn die einen mit den anderen zusammengeführt werden, die einen verstehend und nicht verstanden, die anderen verstanden und nicht verstehend. Die Geschichte der Juden hat nicht selten davon zu erzählen gehabt 74