Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Kulturzusammenhänge
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 73 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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L. Baeck, Kulturzusammenhänge ein Geschichtskreis in seinem gegebenen Natürlichen den Ausdruck seines Daseinswissens und Daseinswillens gewinnt, wie eine Gesamtheit in der Bewegtheit ihres Lebens ihre Gaben darstellt und entwickelt Das gegebene Natürliche wird Mittel zu einem Werte. Ein Geistiges tritt ins Dasein und beginnt zu ordnen und zu bestimmen. Kultur ist gestaltetes Dasein, „geprägte Form, die lebend sich entwickelt". Sie ist der Lebensstil einer Gesamtheit Kultur ist darum von der bloßen Zivilisation zu unterscheiden. Zivilisation ist die Leistung des Werkzeugs. Die Fähigkeit, sich Werkzeuge zu bereiten, ist das, was den Menschen ganz eigentlich vom Tiere unterscheidet Das Tier bleibt an sich gebunden, weil ihm nur seine Glieder die Mittel des Tuns sind. Der Mensch tritt aus dieser Gebundenheit heraus durch das Werkzeug, das seine Glieder vertritt Mit ihm unterwirft er die Natur und ihre Lebewesen und stellt ein äußeres Gefüge und Gehäuse des Daseins her. Auch der Kulturlose besitzt dies, schon der primitivste Mensch hat seine Werkzeuge und damit seine Zivilisation. Sie ist so alt wie der Mensch. Sie ist überlieferbar, indem ein Geschlecht vom anderen die Kunstfertigkeit erlernt Aber es ist nur eine äußerliche Weitergabe mit ihrer Verbesserung und Verfeinerung, eine Reihenfolge, aber keine Geschichte. Während die Kultur ein Geistiges, ein Seelisches ist, ein Wachsendes oder Welkendes, ist die Zivilisation etwas Verfertigtes, ein Mechanisches, Technisches, das angenommen und fortgesetzt wird. Die Zivilisation, welche die Menschen der Kultur haben, kann da und dann eine bescheidene und dort eine vielfältige sein. Sie ist hier nichts Charakteristisches und nichts Bestimmendes. Nicht auf das, was der Mensch herstellt, sondern darauf, wie er sich darstellt, kommt es hier an. Völker mit geringer Zivilisation können Kulturvölker sein und Völker mit reicher Zivilisation arm an Kultur. Manchem Kulturleben hat die Ausbildung der Zivilisation den Raum eingeengt; sie hat sich der Seelen bemächtigt, und Völker sind mechanisiert und veräußerlicht worden, die Kultur ist unter ihr erstarrt und erstorben. Es gibt die Sklaven der Zivilisation. Oder wenn Kulturvölker ihre Zivilisation und die Macht, die darin gegeben ist, als ihren wesentlichen Besitz und ihre eigentliche Aufgabe ansehen, wenn sie nur in einem Übergewicht vermöge dieser Macht ihr Eigenes ausdrücken wollen, auch dann geschieht es unter Einbuße der Kultur. So manche Kultur ist daran zu Grunde gegangen; es gibt keine Machtkultur. Es ist ein Geistiges, wodurch sich eine Kultur entfaltet. Sie hat ihren Stoff, ihre natürlichen Gegebenheiten, ihre Welt, in ihnen bringt sie dieses 73