Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 65 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaube und Überzeugung ursprünglichen und unserem derzeitigen Verständnis näher, Gott besitzen und ihn nicht besitzen. Der Glaube in dem Sinn dieser traditionellen Sprechweise ist aber hier nicht gemeint, sondern das Glauben als ein besonderes Mittel der Erkenntnis zur Ausfüllung der Überzeugung in dem Gebiete, das von dem Wissen nicht ausgefüllt ist Wenn man die Frage so stellt, denkt man leicht an eine ebene Figur, in der eine innere zweite Umgrenzung gezogen ist, vielleicht an zwei konzentrische Kreise mit beliebigem Verhältnis der Radien. Von diesen beiden Kreisflächen stellt dann die innere das Gebiet des Wissens, die äußere das Gebiet der Überzeugung, und der Ring, der den Innenkreis umgibt, das Gebiet des Glaubens dar. Die Geneigtheit dieses Bild unserem Denken zu unterlegen ist weder ursprünglich noch endgültig, sondern unterwegs entstanden, aus unserer Natur das Befolgbare erkennen, den Kenntnissen einreihen zu wollen. Jede Erklärung und Beschreibung des Glaubens unter dem Vorbilde, das so geworden ist, muß deshalb falsch werden. Trotzdem ist es gut, die Antwort zunächst auf der gewohnten Fläche zu suchen. Da zeigt sich, daß es keinen Menschen gibt, dessen Überzeugung durch echtes wissenschaftliches Wissen ausgefüllt wäre. Wie aus dem Vorhergespgten hervorgeht, beschränkt sich der Besitz des einzelnen an solchem Wissen auf ein viel zu kleines Gebiet, als daß er fertigbringen könnte, seine Überzeugung darauf zu beschränken. Es gibt keine Möglichkeit die Überzeugung eines Menschen zu erfahren, mehr noch, es ist auch dem Menschen selbst unmöglich, die Grenzen seiner eigenen Überzeugung abzustecken, der Zweifel hindert ihn auf weiten Strecken, scharf das zu sondern, was ihm wahr und falsch ist. Nur in einem Falle fällt Licht in dieses Dunkel und Halbdunkel, wenn nämlich die Wahrheit so beschaffen ist, daß sich aus ihr ein Interesse ergibt, das stärker ist, als das Interesse am Leben, und wenn er dann sein Leben vernünftigerweise um dieses Interesses willen hingibt Das Märtyrertum ist die beste Zeugenschaft für eine Überzeugung. Und auch diese gilt nicht bedingungslos. Es mag viele Märtyrer gegeben haben, die nüchtern den Preis des Lebens als einen angemessenen Preis geachtet haben. Es gibt gewiß auch andere, die zwischen dem Vorhaben, das Leben für eine Sache hinzugeben, und dem endgültigen Entschlüsse dauernd schwankten, viele sogar, die schließlich gegen ihre Überzeugung starben, weil die persönliche Ehre ihnen zuletzt nicht mehr erlaubte, sich zur Überzeugung des letzten Augenblickes zu bekennen. Erst hier gerät man auf ganz festen Grund. Es gibt nur ein Bekennen der Überzeugung eines Augenblickes und zwischen dem Schwanken von Augenblick zu Augenblick erzeugt die Ehre einen Zu- 65 5