Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 64 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Koch sondern beide sind auch von verschiedener Natur. Beiden fehlt das, was man am ehesten bei ihnen voraussetzen sollte, die Gleichheit, die Unveränderlichkeit in der Zeit Beide sind aber auch nicht das Gegenteil davon, nicht vollständig und dauernd veränderlich. Sondern das Wissen ändert sich zwar dauernd in seinem Bestände, in seiner Gesamtheit, in vielen Einzelheiten, in seiner Beziehung zur Überzeugung, aber es setzt dauernd Wahrheiten fest, die jeder weiteren Erörterung entrückt sind. Diese Wahrheiten nennt man Kenntnisse. An ihnen ändert sich nur die Bewertung. Die Überzeugung ändert sich auch. Ihr ist Wahrheit bald dies, bald das, immer aber tritt sie mit dem Anspruch die Wahrheit zu besitzen auf. Als Naturphänomen ist sie etwas ganz anderes als die gewußte Wahrheit Sie schafft keine Kenntnisse. Sie ist auch in dem Teil unseres Bewußtseins, das wir nicht in Worten äußern, in dem wir Vorstellungen und Begriffe nicht bilden können. Die Psychoanalytiker und andere Erforscher des Unbewußten haben gezeigt, daß wir selbst von einem Zustand unserer Seele abhängig sind, der nicht im Lichte des Bewußtseins liegt, und der doch, wie man an seinen Wirkungen sehen kann, da ist Es ist möglich, daß in diesen stummen Gründen unserer Seele alle Überzeugungen in dem Vorhandensein einer Frage gleich und von einer bereits gegebenen Antwort bereits befriedigt ist. Da, wo das Wort hindringt, ist die Überzeugung wandelbar, sie besitzt nicht Kenntnis und Unkenntnis sondern Wahrheit und Irrtum. Sie kann von allem Wissen unabhängig gedacht werden, in Wirklichkeit aber, in der Geschichte, ist sie vom Wissen dauernd geleitet und verführt Ihre Wahrheit und ihr Irrtum ist auf eine Antwort hören oder ihr das Ohr verschließen. Auf diese Antwort besitzen wir im Aussprechen und folglich auch im Anhören nur die Frage. Die Antwort können wir hier durch das Wissen aus uns nicht finden, sondern hier müssen wir immer einem folgen, der von Außen zu uns spricht, einem andern und der wieder einem andern und der letzte schließlich, da hier eine Unendlichkeit weder gedanklich möglich noch historisch berichtet ist, als erster weder aus sich noch von einem andern und folglich, soweit das Wort reicht, einem der ganz von außen sprach, dem er als erster nur unbeschriebene Tafeln hinreichen und sie beschrieben den Menschen, die ihre Sprache verstehen, hinreichen konnte, als Antwort für alle Menschen, für jeden. In der Überzeugung, trotzdem sie richtig oder falsch sein kann, verliert die Wahrheit ihre Eigentümlichkeit als einer gleichgearteten Fortsetzung des Wissens. Sie ist gleichzeitig mit Irren und Rechthaben auch Befolgen und Nichtbefolgen, in der traditionellen Sprechweise an Gott glauben und nicht glauben, dem 64