Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 63 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaube und Oberzeugung Endlich ist auch das Gewußte selber anders geworden. In dem Gewußten einer zeitlich begrenzten Vergangenheit war für Gott und Geist, für Seele und Freiheit kein Platz. Heute kann zur Not die Schöpfung der Welt durch einen persönlichen Gott als eine durch viele Tatsachen gestützte Theorie gelten. Denn ein Werden der Geschöpfe aus der naturgesetzlichen Notwendigkeit des Stoffes können wir uns heute nicht mehr erklären, und jedes andere Werden führt auf ein Prinzip zurück, das wir noch mit Schaffendem und Persönlichem, also mit einem persönlichen Schöpfer vergleichen können. Und mit anderen Überzeugungsbestandteilen, die das wissenschaftliche Wissen lange ausschloß, geht es nicht anders. So hätte also dieses Wissen doch sein ursprünglich gestecktes Ziel erreicht und wäre in einem großen Kreise auf eine vorwissenschaftliche Überzeugung zurückgekommen. Hätte es das getan, so hätte es seine Überflüssigkeit erwiesen, hätte also nur den Nutzen gehabt zu zeigen, daß ein begehbarer Weg in lockende Ferne ein Kreisweg ist Bei dieser Annahme vergißt man, daß das Wichtigste auf diesem Kreisweg nicht angetroffen wurde, und daß sich kein anderer Weg dahin bisher eröffnet hat Dieses Wichtigste ist die Antwort auf die Frage, was Gut und Böse ist Geglaubte Offenbarung gab auf diese Frage Antwort, nicht auf die ursprüngliche Frage des Wissenwollens, wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Von Nirgendwo kommen wir her, nach Nirgendwo gehen wir hin. Wir gehen nur zwischen Geburt und Tod den rechten oder falschen Weg vermöge der Freiheit, einen Gott zu lieben, mit dem Leben alles gewinnend oder alles verlierend. Das Wissen hat den Weg zu dieser Überzeugung mit seinem derzeitigen Stande nicht versperrt Es wird ihn vermutlich aufs Neue versperren und aufs Neue die Aufgabe stellen, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Die Wahrheit kann niemals auschließlich gewußte Wahrheit sein. Sie ist vom Wissen in ihrem innersten Kerne nicht erreichbar. Wahrheit ist das, wovon wir überzeugt sind. Der Teil der Überzeugung, der durch das Wissen nicht ausfüllbar ist, der sich tatsächlich oft im ausschließenden Gegensatz zu diesem Wissen befand, entsteht nicht aus Erfahrung und logischem Schlüsse. Deshalb hat man für das Mittel der Wahrheitsfindung auf dem Gebiete, das innerhalb des Umfanges der Überzeugung und außerhalb des Umfanges gewußter Wahrheit liegt, ein anderes Wort und einen anderen Begriff gebraucht, und diesen in der für uns wichtigsten Zeit Glaube genannt Überzeugt sind wir von der Wahrheit, und Wissen ist auch Wahrheit Den größeren Umfang hat die Überzeugung. Das Wissen ist nicht nur ein Teil der Überzeugung, 63