Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 62 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Koch Das wissenschaftliche Wissen vom Wissen hat sich zudem geändert Auch das wird nichts Endgültiges sein, sondern weiter Wandlungen durchlaufen. Es vollzieht sich heute eine Relativierung des Wissens. Die Theorie, die davon den Namen trägt, hat selbst der Zahl und dem Maße ihre Unbedingtheit zu nehmen versucht Ob diese Gedanken richtig oder falsch sind, sicher ist, daß in unserer Zeit die legitimsten Mittel wissenschaftlicher Feststellungen, Messen und Zählen, bedenklich geworden sind, daß der größte Feind der unmittelbaren Überzeugung, der Kosmos der Griechen, der zwangsläufige, ewige, ungeschaffene, Freiheit, Schuld und Sühne, Verdienst und Lohn ausschließende geordnete Weltenbau, daß das astronomische Weltbild angegriffen werden konnte. Ähnlich wie diesem eigensten Gebiet der Erfahrung ging es den Gebieten, die dem Denken, der Logik Wahrheit schenken. Wie es keine unbedingte Erfahrung mehr gibt, so auch keine unbedingte Folgerichtigkeit mehr. Der richtige Schluß galt lange als unerschütterliche Wahrheit Es blieb nur, daß wir die Erfahrung aus unserer Natur heraus als mit einander verknüpft erkennen können. Die abstrakte Logik ist wohl unerschüttert Wenn alle Sätze eines Schlusses richtig wären, wäre auch für uns noch das erschlossene Urteil richtig. Aber wir haben erkannt, daß das tatsächliche Denken, das Denken wie es im Leben vorkommt, wie es in das Leben eingreift, aus Sätzen besteht, die von der fortschreitenden Erkenntnis angegriffen werden, daß an dem Zustandekommen dieser Sätze die Wünsche des Denkenden, seine gestaltende Phantasie, ein Gefühl für richtig und falsch, und schließlich die verschiedene Organisation der Menschen selbst eine Rolle spielen. Nun wird jeder leicht zugeben, daß er einsehen könne, wie etwa die politische Wahrheit für Franzosen und Deutsche verschieden sei, ohne daß es ein Verfahren geben könne zu entscheiden, welche von beiden Wahrheiten die richtige sei. Aber trotz aller Relativierung und Dyslogisierung der Wahrheit seien die Verfahren des Zählens und Beschreibens, die mathematischen Grundsätze, die Naturgesetze, die Ergebnisse der beschreibenden und experimentierenden Naturwissenschaft dieser Ungewißheit entzogen. Das ist nicht richtig. Es ist möglich, die Begrenztheit all dieser Wahrheiten aufzuweisen. Selbst die Mathematik läßt sich auf eine Funktion des menschlichen Gehirnes zurückführen, eine Größe sowohl als Ganzes als auch als eine Summe ihrer Teile sehen, eine Funktion die erkranken und verschwinden kann, ohne daß damit richtig und falsch für den Menschen aufhört Nur sind diese Kenntnisse so beschaffen, daß ihre Begrenztheit unwesentlich, ihre Unbedingtheit aber allein wesentlich ist, daß sie nicht Wahrheit an sich, aber Wahrheiten des gesunden also nicht erkrankten Menschenverstandes sind. 62