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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Glaube und Überzeugung
Date
1925-04-01
Page
61 (sequence 7)
Language
German
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Glaube und Überzeugung überordnet, in der das Gefühl herrscht, das man dann oft sogar religiöses oder schamhafter metaphysisches Gefühl nennt, das praktisch verwertbare Wahrheit schafft Es besteht dann eine ganz eigentümliche Verfassung. Das für das Leben unverwertbare Wissen gilt als Wahrheit, das verwertbare Wissen hingegen als etwas, das an der Wahrheit gemessen, minderwertig ist. Sein und Wahrsein tritt in einen paradoxen Gegensatz. Oder aber das herausgeschleuderte Wissen wird nun an seinem wahren Ort richtig erkannt und nimmt den Charakter eines hochwertigen Spieles an, eines Gebietes, auf dem reizvolle Kraftproben möglich sind, die eine Freude besonderer Art verschaffen, und die Möglichkeit bieten, einen Rang innerhalb einer Menschengruppe zu erstreiten, der Befriedigung verschafft So ist das Wissen zwecklos geworden, das ursprünglich dem höchsten Zweck, dem Finden des richtigen Lebens und damit dem Dienste des wahren Gottes dienen sollte, das Werkzeug für den Zweck der Zwecke über leibliche Lust und leibliches Leid hinaus gewesen war. Es fand seinen wahren Wert darin, wie man es in einer verblassenden Sprache ausdrückt, idealistisch zu sein Von diesem Pathos ist das wissenschaftliche Wissen heute getragen. Man wird dagegen einwenden, daß ganz im Gegenteil das wissenschaftliche Wissen heute im Gegensatz zu früher, wo es die Wahrheit finden wollte, dauernd zu praktischen Zielen führe, die auf keinem andern Weg erreicht werden konnten, daß es die Wunder der Technik schaffe, daß es die Macht des Menschen ins Zauberhafte erweitert und die Gestalt der Menschenwelt verwandelt habe. Das ist bedingungslos wahr und trotzdem unwesentlich. Als ein Nebenerzeugnis sind die Wunder der Technik von der Wissenschaft abgefallen. Die ersten Erforscher der Elektrizität dachten garnicht daran, durch Telephon und Radio den Raum überwinden zu wollen, sondern sie suchten die Natur zu erforschen. Der gelehrte Techniker hat seinen Rang durch die Anwendung des Wissens nicht als Wahrheitssucher, er verwendet Wissen gerade so, wie er eine Erdölquelle ausbeuten würde. Daß eine Niederlage der Menschen sich in einen Sieg auf anderem Gebiete umsetzt, gibt uns einen Einblick in die Organisation der Welt Ein anderer Einwand sagt, daß es doch sicher keinen Fortschritt bedeuten würde, den Erwerb wissenschaftlicher Wahrheit als bedeutungslos geworden, aufzugeben. Auch das ist wahr. Bedeutungslos würde nur die Auffassung, daß wissenschaftliche Wahrheit je den ganzen Umfang des Überzeugtseins ausfüllen könne. Mit dieser Überzeugung wird allerdings manches Wissenwollen seine Kraft verlieren und absterben 61

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