Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 58 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Koch Das Wissen vom Wissen hat sich gewandelt In der ganzen Zeit, in der der Glaube an Legitimität verlor, haben die Sätze in Schrift und Rede nicht aufgehört, in denen von etwas gesagt wurde, daß man es glaubt, nicht um es damit als nur möglich oder wahrscheinlich aber nicht beweisbar hinzustellen, sondern um die Überzeugung vom Geglaubten ganz besonders zu unterstreichen. Sätze wie „ich glaube an das Gute im Menschen" oder „ich glaube an die Vervollkommnung des Menschengeschlechtes" oder „ich glaube, daß immer wieder Kriege entstehen werden" oder „ich glaube an den Sieg der guten Sache", sollten aussagen, daß man diese Überzeugungen als letzte Wahrheiten, als der Weisheit letzten Schluß, als etwas, an dessen Gewinn alles Wissen, alle Wissenschaft beteiligt war, bezeichnen wollte. Die genannten Sätze erscheinen uns heute gewissermaßen alle als stilecht Das unterstreichende Glauben wurde besonders häufig mit diesen und mit Sätzen ähnlichen Inhaltes gebraucht Sie erwarben sich nicht nur deshalb auch beim Gegner Achtung, weil die Überzeugung als solche geachtet wurde, sondern weil jeder damit sein Wahrstes aussprach und damit ein Stück der zugegebenen oder abgeleugneten allgemeinen Wahrheit Im selben Zeitstil wirken Sätze wie „ich glaube an die Unsterblichkeit der Seele", oder „ich glaube an die Kraft des Gebetes", die noch im achtzehnten Jahrhundert sehr gut klingen konnten, viel dürftiger. Das Glauben, das sich auf den Glauben stützte, stand nicht fest So beweist uns merkwürdigerweise gerade das Wort Glauben, daß man außerhalb der Wissenschaft die Trennung von Wissen und Glauben in den wichtigsten Dingen nicht vollzog. In der Wissenschaft aber war es anders. Da achtete man jede wissenschaftliche Überzeugung, man meinte aber damit, daß man jedes Wissen zu achten bereit war, das sich ausschließlich auf eigene Erfahrung stützte, und auf das, was sich aus dieser eigenen Erfahrung schlüssig ergab. Selbst einem anderen Menschen glauben, worauf man doch nie verzichten konnte, galt nicht als volL Auf den Bericht, den Versuch des anderen, stützte man sich nicht, sondern man prüfte ihn nach. Je mehr ein Gelehrter seine Methode so einrichtete, daß sie ihn unabhängig vom Glauben an die Ergebnisse anderer Gelehrter machte, umso höher stand er im Range, je mehr er sich auf die Ergebnisse anderer stützte, um so tiefer wurde er eingeschätzt Nichts glauben, alles auf eigene Erfahrung und eigene Schlußfolgerung zurückführen, wurde zum Kennzeichen der echten Wissenschaft Diese Methode ist der Wissenschaft in vieler Beziehung angemessen, sie ist vielleicht sogar die einzige ihr mögliche Methode. Man kann ihr weder vorschreiben, daß sie es in Zukunft anders machen sollte, noch den Menschen versprechen, daß eine anders 58