Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Glaube und Überzeugung
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 57 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Glaube und Überzeugung keine Überzeugung, sondern Wunschgebilde. Daß man die religiösen Wahrheiten nicht wissen kann, sondern glauben muß, hieß nichts anderes, als daß man sie eben nicht weiß, und Glaube hieß praktisch kaum etwas anderes, als für falsch halten, als nicht glauben. Nun ist die wahre Grundlage unseres Handelns nicht das Wissen, sondern die Überzeugung und in der Überzeugung, die kein Erzeugnis unseres Verstandes ist, sondern eine Naturerscheinung, etwas das wahr ist, von dem wir wirklich etwas wissen, kann Widerspruchsvolles nebeneinander bestehen. Keines Menschen Überzeugung besteht aus seinem reinen klaren Wissen, das ihm nichts anderes als Erfahrung und Denken geliefert hat. Das beste Wissen ganzer Zeiten hätte zu Verzweiflang und Verbrechen führen müssen, wenn es wirklich die ganze Überzeugung beherrscht hätte. Es ist eine historische Tatsache, daß auch in solchen Zeiten die Überzeugungen der Menschen anders gewesen sind, daß sie ein handlungsbestimmendes Nebeneinander von Ais-wahr-wissen und Als-an wahr-wissen ertrugen. Für diese Zeit gilt noch eine andere Ausflucht Man nennt Glauben auch ein als wahr Hinnehmen, des zwar nicht Beweisbaren aber Möglichen mit einem diese Möglichkeit als wahr wünschenden Gefühl. Dieses Gefühl wurde dann mit der religiösen Begabung, dem religiösen Gefühl gleichgesetzt. Es wäre auch nichts dagegen einzuwenden, wenn nicht in dieser Zeit, für die diese Auslegung gilt, das Wissen immer mehr an Legitimität zugenommen, das bestätigende Gefühl aber im selben Maße abgenommen hätte. Solange man glaubt, daß es möglich ist, Wissenschaft und Leben zu trennen, kann man auch von diesem Zustande sagen, daß er zwar für die Wissenschaft von Bedeutung sei, denn sie würde ja umso reiner, je mehr sie von allem Geglaubten frei würde, für das Religiöse aber sei die Veränderung der Bewertung des nur Geglaubten unwesentlich, weil Grundgefühl und Verhalten der Menschen den religiösen Forderungen dabei gerecht bleiben könnten. Das Stück Geschichte, das jeder einzelne von uns miterlebte, zeigt, daß das Vertrauen, das man dem in seiner Bewertung der gewußten Wahrheit veränderten Gefühl entgegenbrachte, nicht gerechtfertigt war. Der Glaube, der so oft in seiner Beziehung zum Wissen abgehandelt wurde, hat keine rühmliche Geschichte, nicht einmal eine sehr alte. Seitdem haben sich das Wissen vom Wissen und das Wissen selbst geändert Es fragt sich, ob wir heute den Glauben, der kein Wissen ist, ob wir heute mit dem Wort einen anderen Begriff verbinden, und ob dieses Neue uns vielleicht wieder in den Besitz der Religion setzen kann, was das Wissen und der Glaube nicht konnten. 57