Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-04-01
Page
52 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895739--00065-2895818
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

B. Jakob Hebräischen das gewöhnliche Wort für die Flut und ihre Tiefe ist, und zwar ohne jeden mythologischen Beigeschmack, der Baum aber zweifellos vor der Baumgottheit da war, so kann die babylonische Tiämat nur eine spätere Verkörperung von Tehom sein. Eher kann man formale Anklänge in der Komposition und Sprache finden, obgleich man sich wundern muß, daß sie nicht zahlreicher und stärker sind; denn nicht nur ist das Babylonische eine dem Hebräischen verwandte, gleichfalls semitische Sprache, sondern eine gemeinsame Kultur erzeugt auch bei Völkern ganz verschiedener Sprache eine gewisse internationale Gleichförmigkeit in sprachlichen Wendungen, Formeln, Schlagwörtern u. dgL Hier aber bestand eine unüberbrückbare Kluft Denn auf der anderen Seite: welch ein unermeßlicher Abstand zwischen diesen wüsten und krassen, von Göttern und Ungeheuern wimmelnden, von greulichem Lärm und Getöse durchtobten, jedes höheren Geistes und jeder sittlichen Idee entbehrenden, wirren Phantasien (die übrigens am letzten Ende auf eine Verherrlichung der Stadt Babel und ihres Stadtgottes Marduk hinauslaufen sollen) und dem erhabenen biblischen Gemälde! Wenn der Verfasser des ersten Kapitels die babylonische Schöpfungsgeschichte gekannt hat, und das ist wie von jedem Gebildeten seiner Zeit fast mit Sicherheit anzunehmen, dann hat er vielmehr bewußt ein Gegenstück liefern und dem wüsten Traum die lichte göttliche Wahrheit entgegensetzen wollen. So entschieden wir also oben vor der Vergleichung mit der Naturwissenschaft zu warnen und uns das Mitleid mit der Unwissenheit der Bibel zu verbitten hatten, so bestimmt müssen wir es ablehnen, in ihr nichts anderes als eine israelitische Form der Mythologie, so sehr man sie auch über die anderen erhebe, zu sehen. Sie ist ganz und gar und nur religiös, aber daher auch die lautere Wahrheit Ebenso ist die Darstellung allen andern Schöpfungslegenden, die wir kennen, der Aegypter, Phönizier, Inder, Etrusker, Römer, Griechen, an Erhabenheit, Reinheit, Maß und Vernunft unendlich überlegen. 9. Daher hat die biblische Schöpfungsgeschichte von jeher auf jeden unbefangenen Leser einen überwältigenden Eindruck gemacht. Man mußte zugeben, daß der erhabenste Gegenstand hier die ihm angemessenste und zugleich volkstümlichste Darstellung gefunden hat, die bisher noch von keinem Nachfolger, er sei Forscher oder Dichter, erreicht, geschweige denn übertroffen werden konnte. Der gewaltigste Stoff ist mit überlegener Kraft gemeistert und mit gesammelter Beherrschung geordnet und gegliedert, mit Begrenzung, Knappheit und Genügsamkeit Der eingenommene Standpunkt ist 52

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.