Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 53 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Einführungen in das Erste Buch Mose. I. Die Schöpfung ebenso bestimmt wie lebenswahr. Der Weg wird vom Anfang bis zum Ende sicher und gradlinig verfolgt Die Grundgedanken über Gott, Welt und Mensch sind ebenso einfach und klar wie tief und erhebend. Die Haltung des Ganzen ist voll Würde und Majestät, hinter denen dennoch eine verhaltene Bewegung zu verspüren ist, und es liegt darüber eine vollkommene Heiterkeit Das Licht, das am ersten Tage aufgeht, strahlt über der ganzen Erzählung, bis es sich am Sabbat zum Glänze der Heiligkeit verklärt Die Sprache löst in bewundernswerter Weise die Aufgabe, ernste Würde und strenge Gemessenheit mit Schwung und lebendiger Bewegtheit zu verbinden und ohne in Überschwang zu verfallen, oft nur durch ein einziges Wort, ja einen Buchstaben, Farbe zu geben und einen helleren Ton anklingen zu lassen. Da dies nicht immer erkannt ist, sei es an Einzelheiten gezeigt, ohne daß wir der schönen Form eine größere Bedeutung beimessen wollen als ihr zukommt Die Verbindung Tohuwabohu kommt nur noch ein einziges Mal in der Bibel als Entlehnung unserer Stelle vor und malt in Klang und Kürze unübertrefflich das grauenvolle finstere Chaos des Anfangs, und der über den Wassern schwebende Gotteshauch die Spannung auf das erste erlösende Gotteswort Die unvergleiche Erhabenheit des Satzes: Und Gott sprach: „es werde Licht! — Und es ward Licht!", der wie mit einem Zauberschlag das Grauen der Urnacht bannt und die Seele löst, ist schon im Altertum von Heiden bewundert worden. Fünfmal wird in diesen und den nächsten beiden Versen das Licht genannt, als wenn die Schrift sich nicht genug daran freuen und davon geben könne. Wenn die Erde Pflanzen hervorbringen soll, so wird die Form eines poetischen Wortes gebraucht, die sonst gleichfalls nicht wieder vorkommt: Es begrüne sich die Erde. Grünes will ich sehen! ruft Gott, ich mag nicht die kahle Erde. Die Majestät der Gestirne wird mit ebenso wirkungsvoller Sparsamkeit gewürdigt Groß sind sie! Herrscher in ihren Himmelsreichen! Die zahllosen Scharen der Fische werden dadurch anschaulich gemacht, daß die Wasser von ihnen lauter Leben sind, „wimmeln", die gewaltigen Ungetüme dadurch, daß sie, was nur von Wunderbarstem, von Himmel und dem Menschen, gesagt wird, „geschaffen" werden. In der poetischen Wortform für das reißende Getier hören wir wie in Haydn's Schöpfung den Löwen schreckhaft brüllen und sehen den Tiger aufspringen. Und wie in der Sache, erreicht in der Sprache die Darstellung ihren Höhepunkt beim Menschen, zu dessen Schöpfung Gott sich gleichsam selbst auffordert und seine 53