Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 40 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jakob nis unwiderleglich. Wenn Kopernikus lehrte, daß sich nicht die Sonne um die Erde, diesen winzigen Weltkörper, und den mikroskopischen Wurm Mensch auf ihr dreht, sondern umgekehrt, so hat Kant, in diesem Sinne ein abermaliger Kopernikus, gezeigt, daß die ganze Welt und ihre Gesetze nur durch den Menschen und seine Vorstellung da sind. „Und sie bewegt sich doch" — um ihn. Also hat er recht, alles auf sich zu beziehen, und zu sagen, daß es für ihn da sei. Eine andere Betrachtungsweise hat für ihn keinen Sinn, und die Demut, ein Nichts im Weltall zu sein, wäre eine Selbstenthauptung. Die biblische Schöpfungsgeschichte ist lebenswahr, nicht wissenschaftlich wahr. Darum sieht sie auch nach dem ersten Satze völlig ab von einer Entstehungsgeschichte und Beschreibung der himmlischen Welten, denn „die Himmel sind des Ewigen Himmel und die Erde gab er den Menschenkindern". Es sei dies noch an einem Beispiel klargemacht, das die Bibel selbst darbietet. Die Thora gibt oft Erklärungen von Eigennamen, z. B. Abraham, Isaak, Jakob, Berseba usw. Diese Ableitungen sind nach unseren Begriffen meist unwissenschaftlich, insofern sie den einwohnenden Bildungsgesetzen der hebräischen Sprache widerstreiten. Schon ein Anfänger kann dies mit Leichtigkeit nachweisen. Dennoch wird niemand bestreiten wollen, daß der einfachste Israelit biblischer Zeit, geschweige denn der Verfasser der Thora, ein feineres Sprachgefühl hatte als alle Kenner unserer Zeit zusammengenommen. Aber der Thora kommt es nicht auf eine schulgerechte Ableitung, sondern auf den für ihre lehrhaften Zwecke allein brauchbaren Gleichklang für das Ohr an. Ähnlich liegt es künstlerisch mit der Rechtfertigung des Reimes in den modernen Sprachen. Ein zufälliger Gleichklang wird wie ein beabsichtigtes sinnvolles Entgegenkommen der Sprache behandelt Wie nun der Hebräer trotz seiner „falschen" Ethymologien ein sicheres Verständnis seiner Sprache, die ja ein Stück seines Lebens war, hatte, so ist auch die Sprache der Gotteslehre über die Welt, in die niemals tiefere Blicke getan worden sind, so wahr wie eine Muttersprache, wenn auch ihre Definitionen nicht wissenschaftlich formgerecht sind, weil sie vom Augenschein ausgeht und praktische Lehren geben will. Mit Einem Worte: wie die Thora kein grammatisches Lehrbuch ist, so ist sie auch kein physikalisches, wohl aber kann man aus ihr die letzten Wahrheiten über die Natur ebenso abziehen, wie die Regeln über die Sprache, denn die letzten Wahrheiten sind für alle Wissenschaften religiöse, weil solche die uns angelegensten sind und bis auf den letzten Grund der Dinge gehen. 40