Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 37 (sequence 3)
- Language
- German
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Einführungen in das Erste Buch Mose. I. Die Schöpfung Mensch auf. Auch diese ganze Entwicklung muß ungeheure Zeiträume gedauert haben. Um vor diesen Lehren die richtige Stellung zur Bibel zu gewinnen, hat man vor allem zu fragen: was will sie mit ihrer Schöpfungsgeschichte? Will sie eine objektive wissenschaftliche Darstellung geben oder verfolgt sie irgend einen anderen Zweck? Hierüber kann nach ihrer ganzen Art gar kein Zweifel obwalten. Die Thora will niemals irgend eine Wissenschaft, sei es Sternkunde oder Erdkunde, Physik oder Mathematik, Medizin oder Botanik oder Zoologie, Geschichte oder Sprachwissenschaft lehren, sie hat nur Ein Absehen: Religion, d. i. Gotteserkenntnis und Gottesfurcht zu lehren. Ihr Hauptinhalt ist das Gesetz, die gottgewollte Lebensordnung für Volk und Mensch und das ganze Gesetz ist nur ein Erziehungsmittel und eine Ausdrucksform für die Furcht Gottes und die Liebe, zu ihm. Alle Geschichtserzahlung dient hierfür als Einleitung und Begründung, indem sie die Voraussetzungen sowohl für Gott den Geber als für Israel den Empfänger des Gesetzes schafft Nach dieser religiösen und praktischen Absicht ist auch die Schöpfungsgeschichte zu beurteilen. Sie soll der erste Unterricht in der Gottesfurcht sein und bedient sich dazu der Form einer Erzählung, wie das Weltall geschaffen worden sei. Ob sie damit ihre Absicht erreicht, muß ihre Betrachtung zeigen. Aber von vornherein ist damit schon der grundsätzliche Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen naturalistischer und religiöser Weltbetrachtung und das eigene Recht jeder von beiden festgelegt. Die Ergebnisse, die der forschende Menschengeist, sei es in der Naturwissenschaft, sei es in der Geschichte erzielt hat — aber auch nur die unbedingt sicheren! — müssen unumwunden anerkannt werden. Eine Religion, die sich dessen weigert oder ihnen ausweicht, die sich mit Vernunft und Wahrheit in Widerspruch setzt, spricht sich selbst das Todesurteil und könnte nur noch ein künstliches und unwahrhaftes Leben fristen. Aber man muß auch begreifen, daß es noch ganz andere und ungleich wichtigere Wahrheiten als wissenschaftliche gibt, auch wenn sie sich in Formen kleiden, nach denen sie mit jenen zu konkurrieren scheinen, daß der letzte Sinn des Menschen nicht ist: zu erkennen und zu wissen, sondern zu verehren und zu handeln. Die Wissenschaft will feststellen, was ist, Religion und Gesetz wollen vorschreiben, was sein soll, was der Mensch tun solL Sie fragen nicht nach Tatsachen, sondern nach Werten, nicht nach Ursachen, sondern nach 37