Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 32 (sequence 15)
- Language
- German
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Viscount Bryce P?-^-- merkten sie natürlich die Verschiedenheit in Erscheinung und Sprache und den Grad des Fortschritts, der die einzelnen Zweige der Menschheit voneinander unterschied. Kein Reisender zeigte jemals eine klügere Neugier als Herodot, und er beschreibt oft die Eigentümlichkeiten der Rassen und erwähnt auch zuweilen ihre Sprachen. Aber die Alten hatten keinen Begriff von Klassifizierung der Sprachen und ethnischen Verwandtschaften der Völker. Sie hatten nicht gelernt, von Indo-Europäern, Semiten und Turaniern zu reden, noch wurde ihnen erzählt, daß der Arier von den Hängen des Hindukusch herabstieg und, seine Herde vor sich hertreibend, immer westlicher kam, bis er in einem Kraftwagen „Ocean House" in St Francisco erreichta Sie hatten weder Anthropologie, Ethnographie, noch Geologie, obwohl die verschiedenen Schichten der Erdkruste auch für sie sichtbar waren, und sie hätten die darin befindlichen Fossilien ebensogut untersuchen können wie wir es tun. Ihr Sinn war nicht auf diese Gegenstände gerichtet Es genügte den Griechen, die Überzeugung zu haben, den Barbaren überlegen zu sein, ebenso wie es später den Christen genügte, sich als besser zu wissen als Muselmänner und Götzenanbeter. Wir können aus den vorgebrachten Tatsachen folgende Schlüsse ziehen: In früheren Zeiten herrschten starke Stammesunterschiede und Stammesfeindschaften, aber die Feindseligkeiten zwischen verschiedenen Rassengruppen waren nicht häufiger, als zwischen Völkern und Stämmen gleichen Ursprungs; mit dem Fortschritt der Zivilisation wurden Stammesgegensätze in weitem Maße ersetzt durch den Antagonismus, der auf dem Wettstreit politischer Gemeinschaften, ihrer Herrscher und (nach Entstehung des Christentums und des Islams) religiöser Verbände beruhte. Obwohl es immer einen Unterstrom von Stammesinstmkt oder Rassengefühl gab, wurden diese Gefühle erst mächtig, wenn religiöse Leidenschaft oder Eroberungslust hinzukamen; das moderne Nationalgefühl beruhte anfangs hauptsächlich auf gemeinsamer Sprache, Literatur und geschichtlichen Überlieferungen, entfaltete sich im neunzehnten Jahrkundert und nahm, je mehr es sich ausbreitete, mehr und mehr einen Rassencharakter an. Es erhebt sich die weitere Frage: wie kam es, daß das Rassenbewußtsein, das während vieler Jahrhunderte verborgen blieb, plötzlich zu einer furchtbaren Macht in den internationalen Beziehungen anwuchs und als zersetzende Kraft Königreiche sprengte und ihre Bestandteile in die verschiedensten Richtungen drängte? 32