Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 31 (sequence 14)
- Language
- German
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Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte? unter der magyarischen Herrschaft, Tschechen, die unzufrieden mit ihrer Lage in de? österreichischen Monarchie sind, bulgarische Mazedonier, die sich beschweren unter serbischer Macht zu stehen, Dänen in Nord-Schleswig, die mit Dänemark wieder vereinigt werden möchten, Polen und Finnen, die Autonomie verlangen. Eine große slawische Macht hat es übernommen, die Führerin der vielen slawischen Völker zu sein, und diese sammeln sich um sie auf Grund ihrer Rassegemeinschaft Ehe die panslawis tische Bewegung, die jüngsten Datums ist, irgend eine Bedeutung erlangt hatte, versuchte Louis Napoleon, als er Frankreich regierte, zu behaupten, es gäbe eine Art Hegemonie der sogenannten „lateinischen Rassen" und benutzte diesen Vorwand, um sein Eindringen in Mexiko zu rechtfertigen. Der Versuch mißlang, und der Anspruch, den er für Frankreich machte, wurde weder von Italien noch von Spanien anerkannt Eine andere große Nation möchte alle, die irgendwo und irgendwie ihre Sprache sprechen, vereinigen, und da sie in allen Wissenschaften und Künsten des materiellen Lebens — ob auch des ethischen will ich nicht untersuchen — die Meisterschaft zu haben glaubt, schlägt sie vor, die Vorteile dieses Typus andern Völkern zukommen zu lassen und verkündet der Menschheit fast im Reklamestil, daß nur sie das Beste liefere, und man sich nicht mit weniger begnügen dürfe. Sogar wir selbst scheinen Mißtrauen erweckt zu haben, indem wir allzu oft Britanniens Namen mit den Wellen verbanden1) und wir werden angeklagt — natürlich von denjenigen, die nicht wissen, wie durchaus bescheiden wir sind — daß wir beanspruchen, ganz allein entdeckt zu haben, wie man Frieden, Freiheit und Großmacht verbinden kann. Andre Beispiele, die gegeben werden könnten, werden Ihnen selbst wohl auch in den Sinn kommen. Nationaler Hochmut und alteingewurzelte Gegensatze drohen in internationalen Haß auszuarten. Warum ereignet sich dies in einer Zeit, da die Völker mehr voneinander wissen als je zuvor und verbunden sind durch lebhafte Handelsbeziehungen und wissenschaftliche Zusammenarbeit? Warum war in früheren Zeiten das Rassenelement im Nationalgefühl so selten und so schwach? Warum gab es im Altertum oder im Mittelalter so wenig Rassenbewußtsein? Der Grund liegt wohl darin, daß die Menschen bis vor kurzem überhaupt wenig über die Sache nachdachten. Im Altertum und im Mittelalter r) Eine Anspielung auf das Lied: „Rule Brittania, Brittania rule the waves." D. H. 31