Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 30 (sequence 13)
- Language
- German
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Viscount Bryce Zeit herrschte. Im Altertum ist es vielleicht nur bei den Griechen und Phöniziern zu entdecken, denn das Nationalgefühl Israels war mehr religiöser als lassenhafter Art; im Mittelalter ist es kaum bemerkbar, da es verdunkelt wird durch religiöse Anziehung oder Abstoßung. Es gab viele Kämpfe zwischen Gemeinwesen (Stamme, Städte und Königreiche) die der einen, und Gemeinwesen, die der andern Menschenart angehörten, denn politische Gemeinschaften bildeten sich durch gemeinsamen Wohnort und Sprache. Aber soviel Menschen verschiedener Rassen auch gegeneinander gekämpft haben, war es doch selten ein Gefühl des Rassengegensatzes, das ihrem Streit zugrunde lag. Sie kämpften für Land. Sie plünderten einander. Sie trachteten nach Ruhm durch Eroberungen. Sie versuchten ihre Religion einander aufzudrängen. Manchmal in jüngerer Zeit versuchten sie als Mittel, um Gleichförmigkeit zu erzwingen, ihre eigne Sprache den Besiegten aufzuzwingen, wie es die Dänen in Schleswig und die Preußen in Posen taten. Aber so stark auch der Patriotismus und das Nationalgefühl sein mochte, kein Volk führte Krieg aus ethnologischen Gründen oder um anderen den eignen Kulturtypus aufzudrängen. Wenn eine unterdrückte Gemeinschaft daran dachte, das Tyrannenjoch einer andern abzuschütteln, war ihr Kriegsruf nicht Rasse. Als die Holländer sich gegen Philipp IL von Spanien erhoben, waren es religiöse Gründe, die sie trieben, und es war Nationalgefühl, das die Portugiesen trieb, sich gegen den spanischen König im Jahre i64o zu erheben. In keinem dieser Fälle stand der Gedanke der Rassenverschiedenheit im Vordergrund. — In unserer eigenen Zeit liegen die Dinge ganz anders. Die Welt ist erfüllt von rivalisierenden Ansprüchen und mißtönenden Forderungen der Rassen. Wir sehen manche menschliche Gruppe — die sich zu Unrecht reinen Blutes dünkt, die aber jedenfalls ihre eigne Sprache und Überlieferungen besitzt — gegen die Herrschaft eines fremden Volkes wüten und sich danach sehnen, entweder selbständig zu sein oder sich einer Gruppe gleicher Abstammung anzuschließen. Ein groteskes Beispiel, wie unreife ethnologische Begriffe politisch ausgeschlachtet werden können, lieferte eine kleine Gruppe unzufriedener Hindus und ex-Fenian Irländer, die, ziemlich lau unterstützt von einigen Deutsch-Amerikanern, vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten eine „Pan-Aryan Ligue" gründeten, um, wie sie es nannten, die „Räubermacht Englands" umzustürzen.1) Außer den griechischen und armenischen Christen unter dem türkischen Joch, gibt es in Europa eine „Italia irredenta".1) Es gibt Slawen und Rumänen, die nicht Ruhe finden i) Geschrieben igi5. D. H. 30