Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 24 (sequence 7)
- Language
- German
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Viscount Bryce kirchlichen und weltlichen Mächte, wobei sich italienische Fürsten und Städte bei beiden Parteien befanden. Dante, der große italienische Patriot, bewillkommnet den deutschen Kaiser Heinrich VII. Es gab keinen Haß der Italiener gegen Deutsche, wie den, den wir aus unserer Jugend kennen, als österreichische Gouverneure ihr Schreckensregiment in Mailand und Venedig führten. Auch in den langen Kriegen zwischen England und Frankreich gab es keinen allgemeinen nationalen Gegensatz zwischen den Kämpfenden. Eduard HL und seine Söhne waren genau so französisch wie englisch und es war ein französischer Erzbischof, der (zweifellos unter englischem Druck) Johanna von Orleans verurteilte. Das, was Dante als die bitterste Feindschaft in seiner Zeit hervorhebt: - „der Stolz, der den Engländer und den Schotten wahnsinnig macht", hatte nichts mit Rasse zu tun, denn beide Völker sprachen dieselbe Sprache und hatten fast denselben Charakter; die schottischen Hochländer kommen dabei nicht in Frage. Sö gab es im 15. und 16. Jahrhundert keine erbitterteren Feinde als die Dänen und Schweden, obwohl sie näher miteinander verwandt waren als sonst zwei Völker in Europa. — Der lange Lauf des Zeitstromes bringt uns in eine neue Landschaft Mit der großen kirchlichen Revolte des XVL Jahrhunderts beginnt in Deutschland, Frankreich und England die Zeit der Religionskriege. Diese sind verflochten mit dem dynastischen Ehrgeiz der Herrscher Frankreichs, Spaniens, Österreichs und der kleinen deutschen Staaten, aber die religiöse Frage spielte in die Kabinettsintriguen hinein, und der religiöse Gegensatz war so stark, daß er ein Rassenbewußtsein nicht aufkommen ließ. Tatsächlich war jede Rasse in sich selbst gespalten, denn obwohl das protestantische Element bei den Germanen stärker war als bei den Kelten und in den sog. lateinischen Ländern, so waren doch das germanische Antwerpen, Köln und Mönchen katholisch, während das französisch sprechende Genf und Wallis, Teile Südfrankreichs und einige Täler Piemonts calvinistisch waren. Wo diese Scheidungen bestanden, hemmten sie, namentlich in Deutschland, das Wachsen des Nationalbewußtseins, während auf der andern Seite die Länder, die einheitlich katholisch oder protestantisch waren, sich einiger fühlten und sich ungebrochen ihres Wesens und ihrer Taten freuten. Spanien unter Karl V. und seinen beiden Nachfolgern ist ein Beispiel dafür. So groß auch die Gegensätze zwischen Kastilien, Aragon und Andalusien waren, hielten doch alle Spanier zusammen in dem langen Kampf gegen die Mauren und sie wurden sowohl eine kirchliche wie auch eine militärische Streitmacht 24