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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
Date
1925-04-01
Page
23 (sequence 6)
Language
German
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Ist das Bassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte? Im Mittelalter befinden wir uns in einer neuen Welt, in der die wirklichen Unterschiede zwischen Menschen und Völkern in Religion und Kirchenverfassung liegen, und in der noch weniger als in griechischen oder römischen Zeiten Bündnisse oder Feindschaften durch Unterschiede der Sprache oder des Blutes bestimmt waren. Es war ein Zeitalter unaufhörlicher Kämpfe, und wenn die Menschen nicht auf Beute oder Eroberungen ausgingen, dann kämpften sie, um ihren Glauben und ihren Gottesdienst zu verbreiten. Seit dem arabischen Einfall in Syrien bald nach Mohameds Tod bis zum Balkankrieg von 1912 wütete ein nur selten unterbrochener Kampf zwischen Islam und Christentum. Die Christen wußten nicht, und hätten sich auch nicht darum gekümmert, wenn sie es gewußt hätten, welcher Rasse ihre arabischen, maurischen oder türkischen Feinde angehörten, es genügte, daß sie Jünger Mohammeds waren. „Ungläubiger" war auf beiden Seiten die Parole der Feindschaft Innerhalb des Islam hat es weder damals noch später irgendwelches Bewußtsein der Rassenunterschiede gegeben. Daß eine dunkle Hautfarbe auch in der antiken Welt keinen Widerwillen erregt hat — Homer läßt Zeus und die anderen Götter einen Ehrenbesuch bei den untadeligen Aethiopiern machen, — ist leicht erklärlich, denn sehr wenige Schwarze fanden ihren Weg in die zivilisierten Länder. Aber weder die Farbe noch die Züge eines Negers wirkten abstoßend in muselmännischen Ländern wie Ägypten, die Türkei oder Persien. Vor dem wahren Glauben gibt es keinen Unterschied der Rasse. Zweifellos ist der Türke sowohl bei den Persern wie bei den Arabern unbeliebt, denn beide fürchten seinen unbarmherzigen Willen und verachten seine Intelligenz. Aber diese Abneigung hat zu keinem Zusammenschluß der Araber gegen die Türken geführt, während die Feindseligkeit der Perser im kirchlichen Haß der Sunniten und Schiiten wurzelt Wir lasen kürzlich in den Zeitungen, daß einige arabischen Stamme des Irak, gerade als sie sich den britischen Truppen gegen den türkischen Sultan anschließen wollten, anhielten, als sie hörten, daß der Sultan als Kalif einen Jehad gegen die Ungläubigen verkündet hätte. Die Religion ist ausschlaggebend. In der Christenheit gab es einige nationale Feindseligkeiten, die den Anschein von Rassenkonflikten hatten. Die deutschen Kaiser trachteten vier Jahrhunderte lang in Italien ihre Herrschaft aufzurichten, aber sie fochten für einen Rechtsanspruch, den die Italiener theoretisch zuließen, dem sich viele aber in der Praxis widersetzten. Die eigentliche Streitfrage lag nicht in dem Gegensatz von Germanen und Lateinern, sondern in den Ansprüchen der 23

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