Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 22 (sequence 5)
- Language
- German
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Viscount Bryce gewesen zu sein. Man fand die Ägypter unsympathisch — eingebildet und streitsüchtig —, und obwohl Isis und Serapis ihre Anhänger auch in Rom hatten, empfand man Widerwillen gegen den Tierkultus, wie er in Memphis vor sich ging. Die Juden waren unbeliebt, nicht weil sie Orientalen waren, sondern aus Gründen, die ihnen eher zur Ehre gereichten. Sie waren fleißig und strebsam, sie hielten zusammen und halfen einander. Weil sie sich von dem heidnischen Kultus fernhielten, und sich weigerten, die Götter der Heiden anzuerkennen, warf man ihnen vor, die menschliche Gemeinschaft zu hassen. Trotzdem gab es nicht wenige gebildete Römer, die sich zum Judentum, als dessen Abart das Christentum lange Zeit angesehen wurde, hingezogen fühlten. Sogar gegen die mächtig andrängenden Nationen außerhalb des Kaiserreichs war das Gefühl des Rassenantagonismus nicht ausgeprägt Tacitus weist mit Bewunderung auf die einfachen Tugenden der Germanen hin, als diese Stamme bereits die nördlichen Grenzen bedrohten. Claudian feiert in seinen schönsten Versen die Tapferkeit des Vandalen Stilicho. Der patriotische Stolz des Procopius, der selbst ein griechisch sprechender Syrer war, weist die Arroganz der sassani tischen Könige Persiens zurück, aber in seinen Schriften deutet wenig darauf hin, daß der Kampf mit diesen furchtbaren Feinden in seinen Augen ein Kampf der Rassen sei als vielmehr ein Kampf der Weltmächte, — Wir Modernen betrachten die „Völkerwanderung", durch die die Ostgoten und Lombarden nach Italien, die Vandalen nach Afrika, die Westgoten nach Spanien, die Franken nach Gallien und die Angeln nach Britannien getrieben wurden, als eine gigantische Rassenbewegung. Das war sie allerdings, aber sie wurde von den Menschen dieser Zeit nicht als eine solche empfunden. Die Provinzbewohner des römischen Reiches sahen, wie die hereinströmenden Eroberer römische Kunst bewunderten und römische Religion annahmen. Kaum einer unter den Schriftstellern dieser Zeit hat dem Gefühl der Auflehnung Ausdruck gegeben oder gar Feindschaf t gesät zwischen teutonischen und lateinischen Völkern. Auf der Seite der Eindringlinge, mit Ausnahme der wilden Hunnen, besteht Achtung, ja gar Ehrfurcht vor der vorgefundenen Zivilisation und sehr weniges wurde zerstört Weder bei dem Westgoten Alarich, noch bei dem Ostgoten Theodorich findet man Zeichen einer so rachsüchtigen Leidenschaft wie Byron sie in seinen berühmten Zeilen ausgedrückt hat: „Erhebt Euch, Gothen, und sättigt Eure Wut". — 22