Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
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Viscount Bryce allen Städten". Der Fremde wird von vornherein als Feind betrachtet Spricht er eine fremde Sprache, wird er noch eher für einen Feind gehalten, weil er seine (vielleicht freundlichen) Absichten nicht erklären kann. Unter den endlosen Kriegen des Altertums: Raubzüge zwischen Stämmen, Eroberungszüge zwischen besser organisierten Städten oder Königreichen, gab es einige zwischen Nationen verschiedener Rasse. Solcher Art waren die Eroberungszüge der ägyptischen Könige Thotmes und Ramses und der Herrscher von Assyrien und Babylonien. Ebenso die Feldzüge der achämenidischen Könige Persiens gegen Ägypten, der Scythen und der Griechen. Dabei spielte das Rassengefühl jedoch keine Rolle, es waren lediglich Eroberungsversuche. In dieser frühen Epoche finden wir nur drei Völker, bei denen ein Rassenbewußtsein existiert haben mag. Eines davon waren die Phönizier. Als die persischen Könige, als Lehnsherrn der Phönizier von Tyrus und Sidon, verlangten, daß sie ihnen zu ihren Unternehmungen ein See-Kontingent liefern sollten, machten die Phönizier, die gern gewillt waren, sich mit den Gegnern zur See, den Griechen, zu schlagen, zur Bedingung, daß man sie nicht gegen ihre Stammesgenossen in Karthago verwende, mit denen sie freundschaftliche Beziehungen unterhielten. Das zweite Volk waren die Griechen. Im Bewußtsein ihrer geistigen Überlegenheit sahen sie auf alle ihre Nachbarn herab, sogar auf die Italier, die sie einstens besiegen sollten. Sie hatten eine Art panhellenischen Gefühls, das die meisten von ihnen zusammenführte, um erst Darios und dann Xerxes zu widerstehen, und das hie und da eine Stadt veranlaßte, einer andern Hilfe gegen die Perser zu senden; aber sie kämpften gerade so oft und erbittert unter einander. Theben und Plataea haßten sich gegenseitig ebenso herzlich wie der Grieche den Barbaren haßte. Und sie konnten Barbaren bewundern. Wenn Xenophon eine Art ethisch-historischer Romanze schreibt, macht er den persischen Eroberer Cyrus zu seinem Helden. — Das dritte Volk in dem eine starke nationale Leidenschaft sichtbar ist, war Israel. Es gibt Züge in seiner Geschichte, die auf einen Rassen-Antagonismus gegenüber seinen Nachbarn hinzuweisen scheinen. Das Buch Josua, das sicherlich weit davon entfernt ist, einen zeitgenössischen Bericht darzustellen, beschreibt die Vernichtung der ganzen Bevölkerung eroberter kanaanitischer Städte. Auf dem verhängnisvollen Schlachtfeld von Gilboa verlangt Saul von seinem Schildknappen getötet zu werden um nicht in die Hände der unbeschnittenen Philister zu fallen. Dennoch war man in Israel willig, nicht nur Mischehen mit Amoritern, 20