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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
Date
1925-04-01
Page
19 (sequence 2)
Language
German
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Viscount Bryce, Ist das Bassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte? Aber ehe wir diese Fahrt unternehmen, wollen wir das Rassengefühl im engeren Sinne unterscheiden von zwei Gefühlen, mit denen es leicht verwechselt werden wird: dem Stammesinstinkt und dem Nationalgefühl. Unter Stammesinstinkt verstehe ich jene natürliche Neigung, die die Menschen zu jenen zieht, deren Aussehen, Sprache, Gewohnheiten, und besonders religiösen Bräuche den ihren ähnlich sind. Die kleinen Vereinigungen, in denen die soziale Organisation beginnt: Phratrien in Griechenland, Gentes in Italien, clans bei den Kelten, Stämme bei vielen andern Völkern wurden zusammengehalten durch die Notwendigkeit der Verteidigung gegen ähnliche Vereinigungen, und jede bildete eine Art großer Familie. Sie hielten sich sogar oft für Blutsverwandte, die von einem gemeinsamen Ahnen abstammten und waren ihren Nachbarn durch einen gemeinsamen Namen bekannt Dadurch waren sie sehr eng verbunden und das Pflichtbewußtsein gegen den Stamm und dessen Haupt war außerordentlich stark. Solche Vereinigungen waren aber weder rassenhaft, oft nicht einmal sprachlich verschieden von den sie umgebenden andern Stämmen, und doch konnten ihre Feindschaften unter einander gerade so grimmig sein, wie zwischen rassenfremden Stämmen. In dem Nationalgefühl, das einer höheren Stufe des sozialen Fortschritts angehört, mag ein, wenn auch geringfügiges, Rassenelement vorhanden sein. Dieses Gefühl ist ein vielfältiges Produkt aus gemeinsamer Sprache und Literatur, aus Überlieferungen und Erinnerungen an gemeinsame Heldentaten, Glaube an nationale Einrichtungen und vielleicht sogar an eine „nationale Sendung". Wenn Rasse und Volk zusammenfallen, können diese Gefühle das nationale Bewußtsein als ein Ganzes stärken und erheben. Doch gibt es Nationalitäten, die aus verschiedenen Rassen und Sprachen bestehen, wie die Schweiz, Belgien und Kanada, und es gibt Völker der gleichen Rasse, die in verschiedene, vielleicht sogar feindliche Nationen geteilt sind, wie die Republiken von Süd-Amerika. Heute jedoch bitte ich Sie nicht an Rassen, sondern an Völker zu denken. Die Frage, die untersucht werden soll, lautet: Sind Völker in ihrer geschichtlichen Laufbahn, in den Taten ihrer äußeren Politik beeinflußt worden durch das Gefühl, einer bestimmten Rasse der Menschheit anzugehören? Inwieweit haben Rassen sich bekämpft, weil sie wußten, daß sie verschiedene Rassen waren, getrennte menschliche Familien verschiedenen Blutes? Wir wollen mit dem Altertum beginnen. Es war eine Welt voll Kampf und Zwist. „Der Krieg" sagt Plato, „ist die natürliche Beziehung zwischen 19 2*

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