Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 18 (sequence 1)
- Language
- German
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Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte? Von Viscount Bryce. James Bryce, Diplomat und Historiker, korrespondierendes Mitglied vieler europäischer Akademieen, hielt im Februar 1915 an der Universität London einen Vortrag über „Race-Sentiment as a Factor in History". Der folgende Aufsatz ist eine unwesentlich gekürzte Obersetzung dieses Vortrages. Der Herausgeber. Ich beabsichtige, eine ganz bestimmte und abgegrenzte Untersuchung zu unternehmen, die sich im Bereiche feststellbarer Tatsachen hält Welche Rolle hat das bewußte Rassengefühl in der Geschichte gespielt? Inwieweit haben Gefühle von Rassensympathie oder Rassenantipathie die Völker beeinflußt, indem sie ihren Sinn für nationale Einigkeit und Nationalstolz festigten? Wie oft haben solche Gefühle Freundschaft mit gleichgearteten oder Feindschaft gegen anders geartete Nationen gefördert? Wir alle wissen, welche Rolle religiöser Haß zu verschiedenen Zeiten in internationalen Beziehungen gespielt hat, und welche Wirkung die Überlieferung alter Verbundenheit und gegenseitiges Wohlwollen in der Politik hatten, so z. B. zwischen Frankreich und Schottland im XV. und XVI. Jahrhundert Kann man behaupen, daß Rassensympathien in ähnlicher Weise als tätige Kräfte eine Rolle in der internationalen Politik gespielt haben? Diese Frage kann nur durch eine Kritik der historischen Geschehnisse erhellt werden. A priori Beweisgründe und Voraussetzungen sind nicht am Platz. So laßt uns schnell den Strom der Zeit hinabgleiten und nach tatsächlichen Beweisen tätigen Rassengefühls suchen, wie der Forschungsreisende auf einem entlegenen kanadischen Fluß die Spuren indianischer Wigwams und Lagerplätze zu entdecken versucht, während sein Boot von dem Strom weitergetrieben wird. 18