Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 16 (sequence 14)
- Language
- German
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I. Heinemann Aus den drei Wegen zur Macht, zum Wissen, zum Jenseits bildet also der jüdische Geist — willig, aber selbständig an verwandte Strömungen der Umwelt anknüpfend — drei Wege zu Gott: durch das Gefühl, durch die Geschichte, durch die Erkenntnis. Und jeder Denker wählt denjenigen Weg, der seinem persönlichen Erlebnis entspricht Philon hat sich in Zuständen befunden, die der Extase mindestens nahekommen; Jehuda Halevi fühlt sich auch in seiner Lyrik als „Leier für die Lieder seines Volkes"; und Maimuni schreib; im Rückblick auf den schmerzensreichsten Augenblick seines Lebens: „Wäre nicht die Thora und die Wissenschaft — ich wäre untergegangen in meinem Jammer". So hat jeder der drei Denker nicht nur den überragenden Wert des jüdischen Gottesglaubens, sondern auch den Vorzug des eigenen Weges empfunden; aus ihrer persönlichen Form empfängt die Formel zugleich Wahrheit und religiöse Färbung. Aber weil diese persönliche Form eine durchaus jüdische war, mußte die Umgestaltung der Formel durch die Form noch erheblich weiter gehen. Nicht nur die Art des Abstandsgefühles mußte, wie wir sahen, eine andere werden: auch seine Schroffheit ließ sich nicht aufrechterhalten. Denn das Judentum kennt — im Unterschiede vom Katholizismus — nur ein religiöses Ideal: das der Gottverbundenheit Es kann also nach ihm starke Distanzen im talsächlichen Verhalten der Menschen geben, aber nicht zweierlei Lebensziele. Und daraus ergibt sich, daß derjenige, der sich dem Ideal näher fühlt, imstande — aber auch verpflichtet ist, auf die Brüder zu wirken. Damit entfällt die Möglichkeit übermenschenhafter Abschließung. Das Gefühl der Verantwortung, das Goethe vor der Göttin der Wahrheit und vor seinem Gewissen empfindet, fühlt der Jude vor seinem Gotte und vor seinem Volke. Daher bedeutet der Satz „für andre wächst in mir das edle Gut" mehr als bei Goethe. Das Gotteswort an Moses: „Steig hernieder, denn dein Volk hat gesündigt" bedeutet nach dem Midrasch: deine eigene Prophetengröße ist durch den Abfall des Volkes gemindert; denn nur um seinetwillen bist du Prophet geworden. Mag dieser Gedanke nicht allen jüdischen Denkern in seiner vollen Tragweite zum Bewußtsein gekommen sein — er ist zu tief in den Voraussetzungen jüdischer Frömmigkeit und auch in dem geschichtlichen Bilde der Propheten begründet, um ganz wirkungslos zu bleiben. Aus ihm ergeben sich jene Erweichungen des Übermenschenbegriffes, die uns bei den drei von uns betrachteten Denkern entgegengetreten sind. Sie suchen alle einer Frömmigkeit gerecht zu werden, die auf anderen Wegen als dem ihrigen erworben ist; und zu der Verpflichtung, auf die Brüder zu wirken, bekennen sie sich nicht nur durch ihre 16