Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 15 (sequence 13)
- Language
- German
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Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religionsphilosophie schied der Weisen und der Nichtdenkenden irgendwie in Beziehung zu setzen sucht zu der Unterscheidung zwischen Israel und den Völkern. Sie ist ihm freilich keine physiologische, wie für Jehuda Halevi; nie würde er daran gedacht haben, den zum Judentum bekehrten Andersblütigen hinter dem Manne aus jüdischem Blut zurücktreten zu lassen; und von besonderen Vorzügen Palästinas weiß er nichts. Der Vorzug Israels beruht ausschließlich auf der Thora, die für ihn selbst etymologisch die „Lehrerin der Weisheit" ist, und demgemäß auf seiner geschichtlichen Aufgabe, der Welt die wahre Gotleslehre zu verkünden. Aus dem doppelten Pathos der Distanz, das der Jude und der Philosoph empfindet, entsteht für ihn wie für seinen Vorgänger Ibn Daud die Synthese des neuen Ideals des „erhabenen", d. h. philosophisch reinen Glaubens und des denkenden Juden als des Zieles des Erdgeschehens. Wir kennen jetzt einige Spuren der Lehre vom Übermenschen in der jüdischen Literatur. Manches Wichtige, was sich aus dem Talmud, aus Bachja, aus der Kabbala heranziehen ließe, ist absichtlich unerwähnt geblieben. Denn schon die drei Proben, die wir anführten, ermöglichen uns den Einblick in jenes Ringen jüdischer Form mit hellenischer Formel, das wir erläutern wollten. Der Übermensch, sagten wir, ist der formelhafte Ausdruck eines Pathos der Distanz. Ein solches Pathos kennt auch das Judentum — in ganz anderer Richtung als Nietzsche, aber kaum minder stark als er. Es zieht sich durch die ganze jüdische Literatur: die Abstufung des Gottverbundenen von dem Gottentfremdeten. Es kann bald innerlicher, bald äußerlicher gefaßt werden, — bald mehr dynamisch auf dem Sehnen, bald mehr statisch auf dem Besitz beruhen, — bald mehr energisch nach Entfaltung in Lebensformen drängen, bald kontemplativ seines Urgrundes sich bewußt werden: im farbigen Abglanz all dieser Erscheinungen offenbart sich nur die Grundwertung des Judentums. In ihren Dienst tritt nun auch die Lehre vom Übermenschen. Sie war in Hellas gewiß nicht religiös gemeint, zum mindesten nicht im jüdischen Sinn. Wohl verknüpfte die griechische Mystik den Menschen mit der Überwelt. Aber mit ethischen Forderungen hatte diese Mystik nichts zu tun. Und vollends die rationelle wie die physiologische Fassung der Idee sind in keiner Weise religiös gefärbt 15