Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Heinemann und Ungläubigen, als zwischen den Denkenden und der nichtdenkenden Masse. Und Maimuni geht soweit zu sagen: wenn alles in der Welt um des Menschen willen da ist, so ist der Mensch zum Denken da; nur im denkenden Menschen erreicht also die Natur ihren Zweck.4) Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Allein jetzt ergibt sich für Maimuni eine Schwierigkeit, die für Nietzsche nicht bestand. Die Zahl der denkenden Menschen ist doch gering; es findet sich wohl nur einer oder zwei in einer einzigen Generation. Ist dann nicht das Leben der anderen Menschen zwecklos? Weshalb hat die göttliche Allmacht nicht nur Denkende ins Leben gerufen? Maimuni antwortet zunächst: der Lebenszweck der Vielen ist, den denkenden Menschen zu dienen, die sich mit Pflügen und Ernten nicht befassen können. Aber dann fügt er hinzu: man könnte auch sagen, die Frage, warum es nur so wenige Weise gibt, hat ebenso wenig einen Sinn, wie die Frage, warum es gerade neun Sphären gibt Das hat eben die göttliche Weisheit so gefügt. Und wenn du meinen könntest, diese letztere Begründung sei von geringerem Belang als die vorige, so sage ich dir, sie ist in Wahrheit die viel gewichtigere; hat doch Gott die Ungläubigen im heiligen Lande weiter bestehen lassen, wie die Bibel sagt, „damit das Land nicht veröde"; damit ist ausgesprochen, daß es nicht lauter Vorzugsmenschen geben kann. Hiermit deutet Maimuni in einer Schrift, die selbst nicht nur für Philosophen berechnet und daher äußerst behutsam geschrieben ist, den Gedanken an, den wir aus Jehuda Halevis philosophischen Quellen bereits kennen. Der philosophische Mensch bildet sozusagen ein Reich für sich mit begrenzter Individuenzahl, das in ähnlicher Weise über dem Menschenreich steht, wie der Mensch über dem Tier. Und wie Jehuda Halevi erklärt, die Frage, warum es nicht lauter prophetische Menschen gibt, sei sinnlos, genau wie die Frage, warum es auch Tiere, auch Pflanzen, auch Steine gibt, so hat man sich auch nach Maimuni mit der Feststellung zu begnügen, daß die göttliche Weisheit für diese Wesensgattung die Anzahl der Individuen festgesetzt und die Abstufung höherer und niederer Wesen gewollt hat So ist denn die Scheidung der beiden Menschenklassen, die in Maimunis vorsichtig gesetzten Worten durchschimmern, vielleicht noch schroffer als bei Jehuda Halevi. Denn aus dem Rangunterschied folgt hier ein Unterschied des Schicksals im Diesseits und Jenseits. Aber freilich wird auch hier der starke Lichtkontrast durch das Hineinspielen der anderen Unterscheidungen gemildert Die mystische Vorstellung ist zwar auf Maimuni nur ganz mittelbar von Einfluß gewesen. Aber wir haben schon hervorgehoben, daß er den Unter- *) Einleitung zum Mischnakommentar, S. 5off. der arabischen Ausgabe. 14