Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 13 (sequence 11)
- Language
- German
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Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religionsphilosophie Seligkeit ist, hätten sie nicht verstanden. Die wahren Gottesverehrar suchen nichts als Gott selbst, ohne Hoffnung, ohne Furcht, aber dies Geheimnis darf man der Menge nicht offenbaren. Mit solchen Anschauungen geht Maimuni ein weites Stück zusammen. Wohl möchte er seine Brüder nicht im krassen Aberglauben lassen; eine unwürdige Vorstellung von Gott steht für ihn mit Götzendienst auf einer Stufe. Daher soll und muß jeder Jude und Jüdin wissen, daß Gott ein geistiges, mit Menschen schlechterdings unvergleichbares Wesen ist; und jeder soll die Pflichten gegen Gott und Menschen kennen, die sich aus einer reinen, .vissenschaftlichen Gottesvorstellung ergeben. Aber weder die wahren Motive der Ethik noch die Beweise für die metaphysischen Wahrheiten darf man der Menge enthüllen. So wahr die Lehre ist, daß wir „Gott nicht dienen sollen, um Lohn zu empfangen", so bedenklich ist es gewesen, daß man diese Wahrheit auch denen verkündet hat, die ihre Pflicht nur um Lohnes willen tun können. Und wie für den Säugling die Fleischnahrung Gift ist, so für die Masse metaphysische Beweisgänge, für die ihr die Voraussetzungen fehlen. Allein nicht nur von dem rechten GottesgrZau&era, sondern gerade von dem Nachdenken über die letzten Wahrheiten, also eben von dem, was der Masse versagt bleiben muß und soll, hängt nach Maimuni, genau wie nach seinen arabischen Vorgängern, das Ergehen des Menschen in dieser und in jener Welt ab. Im Diesseits erstreckt sich Gottes Fürsorge nicht auf alle Wesen in gleicher Weise. Bei den Tieren geht sie überhaupt nicht auf das Individuum, sondern nur auf die Art und ihre Erhaltung. Am einzelnen Mensche» nimmt Gott freilich Anteil. Aber auch innerhalb der Menschheit gibt es wesentliche Gradunterschiede der Fürsorge. Durch das Denken verbinden wir uns mit dem göttlichen Geist Und je stärker unser Denken, je inniger folglich diese Verbindung ist, umso stärker wirkt naturgesetzlich die göttliche Güte auf unser Ergehen. Die besondere Fürsorge Gottes für die Patriarchen wird von hier aus philosophisch erklärlich; sie waren eben durch ihr Denken besonders innig mit Gott verbunden. Und diese Verbindung von Gottesgeist und Menschengeist wird durch den Tod, also durch die Ablösung des Geistes vom Körper (und auch von der „Seele" als Prinzip des irdischen Lebens) nicht gelockert; so erlangt denn der Geist durch das Denken über Gott, das er in dieser Welt vollzieht, zugleich die Fortdauer der Verbundenheit mit Gott, also die Seligkeit im Jenseits. Aus diesen Gedankengängen, die ich freilich nur ganz skizzenhaft andeuten kann, ergibt sich ein tiefer Unterschied nicht sowohl zwischen Gläubigen 13