Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
Date
1925-04-01
Page
11 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895737--00022-2895777
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religionsphilosophie Keim planmäßiger Pflege. Diese drei Gedanken überträgt Jehuda auf den philosophischen Übermenschen. Er kann sich nur entwickeln aus jener Auslese der Menschheit, die sich von Adam und Noah über Abraham und Jakob fortgepflanzt hat. Und auch in Israel kann der Prophetismus nur gedeihen unter den erforderlichen klimatischen Voraussetzungen, also im heiligen Lande. Das gelegentliche Wort des Talmud, daß die Luft Palästinas weise mache, das Jehuda in seinem Zionslied zitiert, ist für ihn, dem Enkelschüler des Hippokrates, strengste wissenschaftliche Wahrheit. Die Liebe zum heiligen Land, die ihn erfüllt, beruht wesentlich auf der Überzeugung, daß nur hier der prophetische Same die rechte Frucht tragen kann. Aber wie die Edelrose nur aus rechtem Samen und auf rechtem Boden bei ausreichender Pflege gedeihen kann, so bedarf auch der prophetische Keim einer ganz bestimmten Behandlung; und es ist der Sinn der Religion, diese Behandlung vorzuschreiben. Denn so wenig ich im Laboratorium erklügeln kann, wieviel Wasser die Rose braucht, so gewiß habe ich die Erfahrung darüber zu fragen, unter welchen Bedingungen der prophetische Übermensch erwachsen kann. Und sie sagt mir, daß dies nur der Fall gewesen ist im Geltungsbereich des göttlichen Gesetzes. Derselbe Gott, der der Rose die Gesetze ihres Wachstums vorgeschrieben hat und von dem Gärtner verlangt, daß er sie demütig der Erfahrung ablausche, derselbe Gott hat uns die Thora gegeben, um uns durch diese Gesetze über die Stufe des bloß Menschlichen zu erheben und jener engelhaften Stufe anzunähern. Und wie im Reich des Organischen die geheimnisvollen Gesetze des Wachstums mir die ehrwürdigsten sind, weil keiner sie ergründen mag, so sind es unter den Gesetzen der Thora gerade jene rätselvollen Satzungen, die der Menschenverstand aus sich nicht hätte erklügeln können, deren wundervolle Wirkung ich aber spüre, wenn bei ihrer Übung, wie Jehuda es ausdrückt, „ein neuer Geist auf mich herniedersteigt". Daher darf ich die Gesetze meiner Beziehung zum Göttlichen nicht erklügeln wollen wie die Philosophen, noch das überlieferte Gesetz frei ausdeuten wollen, wie die Karäer, sondern von solchen Männern, auf denen selbst der Geist der Prophetie geruht hat, muß ich die Gesetze jener religiösen Eugenik lernen, die den aus heiligem Samen Geborenen zur Höhe des Übermenschen führt So trägt Jehudas Begriff vom Übermenschen ganz deutlich die Züge jener physiologischen Vorstellung, die wir aus Hippokrates und Aristoteles kennen. Aber wie bei Philon spielen auch hier die anderen Begriffsfassungen hinein; und der Lichtschimmer, der aus ihnen fällt, mindert die Schärfe des 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.