Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
Date
1925-04-01
Page
10 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895737--00021-2895776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I. Heinemann ist gerade nur zur Annahme der menschlichen Gestalt und Sprache geeignet, und beides nur in unvollkommener Form, während derjenige, der zum Philosophen befähigt ist, zur höchsten Stufe der Vollkommenheit gelangen kann. Genaueres über diesen vollkommenen Menschen sagt uns eine spätere Stelle. Der Rabbi hat seinem königlichen Schüler die Lehre von dem Aufbau der Welt in vier Stufen (Steinreich, Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich) entwickelt und schließt hieran die Frage: „Welche Stufe haltst du für noch höher als diejenige der Menschen?" Und der König antwortet: „Die Stufe der großen Weisen". Man sieht: nach der Lehre der Philosophen, die Jehuda als bekannt voraussetzt, erhebt sich über dem Menschenreich das Reich der philosophischen Übermenschen als selbständiges Reich, ähnlich wie Nietzsche vorübergehend seinen Übermenschen darwinistisch aus dem Menschen hervorgehen ließ, der seinerseits dem Tiere entstammt Das, wie gesagt, ist die philosophische Lehre, die Jehuda als bekannt voraussetzt Und er billigt sie insofern, als auch er an das Dasein eines Übermenschen glaubt Aber worin liegt das, was diesen über den niederen Menschen erhebt? Der Philosoph antwortete, die Auszeichnung dieses höheren Menschen liegt im Denken. Hier biegt Jehuda ab. Der Unterschied des wissenschaftlich Denkenden vom Durchschnittsmenschen ist, wie er mit aller Klarheit sagt (I 39), ein gradueller, kein prinzipieller. Soll es Übermenschen geben, so müssen sie sich ebenso vom Menschen unterscheiden, wie dieser vom Tiere: durch das Hinzutreten völlig neuer und eigenartiger Fähigkeiten. Und solche Übermenschen hat es gegeben. Das waren die Propheten. „Wenn ein Mensch ins Feuer geht, ohne Schaden zu erleiden, wochenlang ohne Speise und Trank bleibt und ein wunderbares Wissen vom Vergangenen und Zukünftigen hat, dann unterscheidet er sich wesentlich vom Menschen". Also nicht den philosophischen, wohl aber den prophetischen Menschen dürfen wir als Übermenschen oder, in Jehuda Halevis Sprache zu sprechen, als ein „Wesen nicht menschlicher, sondern engelhafter Art" bezeichnen. Und mit aller Schärfe hebt Jehuda hervor, daß der zum Prophetismus befähigte Mensch als solcher so hoch über dem begabtesten Menschen steht, wie der Mensch über dem best organisierten Tiere, das kleinste Tier über der herrlichsten Pflanze. Aber nun macht Jehuda vollen Ernst mit jenen Voraussetzungen der Rassenphysiologie, aus denen der philosophische Begriff des Übermenschen erwachsen war. Nach ihr ist die Beschaffenheit des Menschen abhängig von den Einflüssen der Vererbung und des Klimas; überdies bedarf der vererbte 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.