Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 8 (sequence 6)
- Language
- German
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I. Hciaemann Aber dieses Auge haben nur die wenigsten. Und weh denen, die den ewig Blinden des Lichtes Himmelsfackel leihen. Das gilt gerade von der allegorischen Deutung. Die Menge soll beim Wortsinn stehen bleiben. Wohl wissen die Eingeweihten den tiefen Sinn der biblischen Verheißung, daß Gott den Mutterschoß der Sara segnen werde. Sie wissen, daß damit nicht Abraham, sondern Gott als Vater ihres Kindes bezeichnet wird Aber diese Lehre, so schärft Philon ein, darf man nur den Mysten verkünden, die, wie er sagt, reinen Ohres sind. Was für die Menge Hohn und Lästerung wäre, ihnen ist es tiefe Wahrheit, daß nämlich Isaak, das Symbol der reinen Herzensfreude, nur dann entstehen kann, wenn Gott die Saat des Edlen in die empfängliche Seele streut Diesen tiefgreifenden Unterschied zwischen den Schauenden und den Nichtschauenden kennt nach Philon natürlich auch die Bibel. Der Name Bezalel bedeutet „im Schatten ist Gott"; und jeder kann Bezalel werden und Golt aus der Welt, seinem „Schatten", durch logischen Schluß erkennen. „Es gibt aber noch eine vollkommenere und reinere Geistesrichtung, die in die großen Geheimnisse eingeweiht ist; diese erkennt nicht aus den gewordenen Dingen die Ursache, wie aus dem Schatten das Bleibende; sie überspringt vielmehr das Gewordene und empfängt einen klaren Eindruck vom Ungewordenen: solcher Art ist Moses (All. Erkl. III 100). Und wenn die Bibel in ihren ersten Kapiteln zweimal von der Schöpfung des Menschen redet, so deutet das Philon auf die Schöpfung der beiden grundverschiedenen Menschenklassen. Zweierlei Menschen gibt es, so sagt er (All. Erkl. I 3i); der eine ist der himmlische, der andere der irdische Mensch. Der himmlische ist nach einem unsichtbaren Urbild geschaffen (so versteht Philon die Gottebenbildlichkeit) und deshalb ohne irgend welchen Anteil an allem Vergänglichen und Erdhaften; der irdische ist aus zersprengtem Stoffe, den die Schrift Erde nennt, gestaltet worden. Kein Wunder, daß er diesen Menschen gelegentlich geradezu als „göttlichen Menschen" oder als den „Menschen Gottes" bezeichnet3) Und nun wird der Sinn der Religion deutlich. Er liegt im Übermenschen. Moses ist, wie Philon immer wieder verkündet, ein Hierophant; auf Entschleierung der letzten Geheimnisse geht seine Absicht *) Ich kann nicht umhin, Freunde vergleichender Religionsbetrachtung darauf hinzuweisen, daß die gleiche Beziehung des „im Ebenbilde Gottes geschaffenen" Menschen auf den „gölllichen", also mit Gott verbundenen Menschen ohne jeden geschichtlichen Zusammenhang mit Philon auch in der arabischen Mystik auftaucht: Nicholson, The Idea of Personality in Sufism 46, 58 f. $