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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
Date
1925-04-01
Page
7 (sequence 5)
Language
German
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Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religionsphilosophie bleiben muß gegen alles wahrhaft Sinnvolle, das nur der Übermensch erschaut, tritt nun Philon auch an die Bibel heran. Und von vornherein steht ihm fest: der Wortsinn, den auch die Menge versteht, kann eben deshalb, weil ihn die Menge versteht, der wahre und tiefe Sinn der heiligen Botschaft nicht sein. Eine Bibel, die auch dem Ungeweihten voll verständlich wäre, könnte für Philon vielleicht ein nützliches, aber kein heiliges Buch sein; sie ließe das letzte Sehnen seiner Seele unbefriedigt, das Sehnen, hinter den Erscheinungen und eigentlich im Gegensatz zu ihnen eine tiefere Wahrheit zu erschauen. Man hat die Umdeutung, die Philon an dem Wortsinn der Bibel vornimmt, gründlich mißverstanden, wenn man sie aus denselben Motiven ableitete, die wir später etwa bei Maimonides kennen lernen werden. Dieser und seine arabischen Vorgänger greifen nur dann zur Allegorie, wenn ihnen der Wortsinn mil dem Weltbilde ihrer Zeit unverträglich scheint oder doch Schwierigkeiten macht Philon aber gibt sich die größte Mühe, solche Schwierigkeiten zu finden, da ihn das Bedürfnis nach Aufspürung eines Untersinns ganz unabhängig von irgendwelchem apologetischen Interesse zur Umdeutung treibt Will man ihn verstehen, so stelle man ihn mit verwandten Geistern zusammen, etwa mit denjenigen, die das Lied von dem wackeren Weibe am Schluß der Sprüche Salomos auf den Sabbat als die Gattin Israels bezogen haben,, denen sich bei der Schilderung der Frau, die ihr ganzes Haus in Herrlichkeit kleidet, durch die Beziehung auf den Sabbat eine rätselhafte Tiefe erschloß. Solche Tiefen sucht Philon auch in den schlichten Erzählungen der Genesis; er ist der Überzeugung, daß sie uns nicht von Männern und Frauen und ihren zufälligen Schicksalen erzählen will; niemals hat es nach ihm Adam und Eva, Abraham, Isaak und Jakob gegeben; aber was sich nie und nirgend hat begeben, das allein veraltet nie; nicht von Jakob, „der mit seinem Stabe einen Fluß durchschreitet", erzählt die Bibel, sondern jeder von uns ist Jakob; jeder muß eintauchen in den Strom der Leidenschaft; und heil dem, der am Stabe der Frömmigkeit den Fluß durchschreitet und das „Überschreitungsopfer", das Peßach, bringen kann. So wird alles Zufällige, alles Einmalige, alles bloß Wirkliche in die Sphäre des Ewigen und religiös Bedeutsamen gehoben; wie die Sinnenwelt erst deutbar wird aus der Überwelt, wie der Lebensdrang zu beurteilen ist aus der Sehnsucht nach dem Jenseits, so wird der Sinn der Schrift erst erkennbar aus dem „Untersinn' und Hintersinn, der Buchstabe deutbar aus dem Geist, den er verhüllt Was wir sehen, ist in Welt und Bibel bestenfalls der Faltenwurf eines höheren, das wir nur erkennen können mit dem Auge des Geistes. 7

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