Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Begriff des Übermenschen in der jüdischen Religions-Philosophie
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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I. Heinemann an der Geschichte eines ethischen Begriffes geben — zumal wenn er dem Leser so geläufig ist, wie dies bei dem Begriffe des Übermenschen vorausgesetzt werden kann. In der Fassung freilich, in der er uns wohl am geläufigsten ist, konnte ihn das Judentum nicht brauchen. Ich denke an Nietzsches Versuch, die Idee des Übermenschen mit derjenigen einer jenseits von Gut und Böse stellenden Ethik zu kombinieren. Nun knüpft die Vorstellung einer Gewaltmoral zwar an antike Vorbilder an, von denen (durch Piatons Staat) auch Juden wußten; und die Lehre der islamischen Orthodoxie, daß Gott jenseits von Gut und Böse stehe, war den jüdischen Philosophen genau bekannt Aber es ist für die sittliche Richtung des jüdischen Denkens bezeichnend, daß man — bei aller Bereitwilligkeit, vom Islam zu lernen — nicht nur jene amoralische Theologie nicht annahm, sondern sie nicht einmal einer eingehenden, ernsthaften Polemik für bedürftig hielt Allein die Ideen des Übermenschen und der Gewaltmoral, die Nietzsche zueinander in Beziehung setzt, sind natürlich nicht identisch. Beide sind geschichtlich unabhängig voneinander erwachsen. Nietzsches leidenschaftlicher Haß gegen die Weichlichkeit und namentlich die Jenseitigkeit der christlichen Moral wirkt ja auch in sozialistischen Kreisen nach, die von der Bevorzugung einer Menschengruppe nichts wissen wollen. Und wenn Goethe den Ruf der Wahrheitsgöttin hört: „Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen, So glaubst du dich schon Übermensch genug, Versäumst, die Pflicht des Mannes zu erfüllen", so wird nicht der Glaube an eine Gewaltmoral bei ihm vorausgesetzt, — wohl aber ein starkes „Pathos der Distanz" des höheren Menschen vom niederen, das Bewußtsein stolzer Einsamkeit im Alleinbesitz der Wahrheit, die er der Menge nicht preisgeben will — und aus deren Gaben ihm Leiden und Freuden fließen, von denen die Menge nichts ahnt So macht auch nicht die Gewaltmoral den Helden Nietzsches zum Übermenschen, sondern weit eher der Satz, daß „mancher die Hälfte seines Wertes verlor, da er seine Dienstbarkeit verlor" — also die Lehre, daß die höhere Moral nur für einen kleinen Kreis überlegener Menschen gelten soll. Während eine Lebens anschauung, die dem höheren Menschen einen Freibrief gegenüber dem niederen erteilt, dem Judentum notwendig fremd bleiben mußte, so ist es verständlich, daß das Judentum jene Formulierungen des „Pathos der Distanz" nicht rundweg ablehnte, die ihm aus der griechischen Philosophie bekannt wurden, soweit sie nicht, wie etwa Piatons Lehre von den Dämonen, die einst die Menschenherden weideten, an mythologische 4