Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Anteilnahme der physischen Welt an den Schicksalen der Menschen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
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Anteilnahme der physischen Welt an den Schicksalen des Menschen• 229 in stumpfer Uninteressiertheit. Das Haus seines Gebieters, Personen und ihre Schicksale, sind ihm gleichgültig — ihre Freude ist nicht seine Freude, ihr Leid ist nicht sein Leid. Was sein Herr im eigenen Wirkungskreise, in seinen persönliehen Verhältnissen tut und läßt, interessiert den Sklaven nicht im geringsten, er darf nicht kritisieren und tadeln, er darf auch nicht anerkennen und loben, er muß tun, was ihm befohlen; er muß — wie der Soldat im besten militäxischen Sinne — bloß Hände und Füße und Augen haben, aber keinen eigenen Kopf und kein eigenes Herz. Dieser Art ist das Verhältnis der Natur zum Menschen nicht. Der Mensch ist nicht ihr absoluter Gebieter, nicht ihr militärischer Vorgesetzter. Der Mensch ist vielmehr der jüngste Sprößling des Hauses, der verzogene Liebling der Familie. Die älteren Geschwister müssen ihn warten und pflegen. Sie widmen sich ihrer Aufgabe mit Eifer, Liebe und Freude. Sie wetteifern in Beweisen von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit. Alle werben sie um die Gunst des Lieblings; wem er seine Zuneigung schenkt, der fühlt sich ausgezeichnet. Jede der Schwestern will ihn auf den Händen tragen, und ist glücklich und stolz, wenn er sein Köpfchen an ihre Brust lehnt. Der Liebling bekommt ein neues Kleidchen; da gibt es Jubel, Aufregung, Wetteifer und Streit. Jede der Schwestern nimmt für sich den Anspruch auf den Vorzug, ihm das schöne, reizende Kleidchen anzuziehen. Die älteren Geschwister lassen sich auch geduldig und gern vom Liebling des Hauses tyrannisieren, erfüllen alle seine Wünsche, befolgen alle seine Befehle. Manchmal freilich erwacht in ihnen das Bewußtsein, daß sie die ältexn sind; ihr Stolz bäumt sich gegen den jüngem Tyrannen auf, und sie verweigern ihm den Gehorsam1), bis die Eltern mit ihrem Machtwort ein- 1J Das Meer sagte zu Moses: von rechts wegen sollte ich mich nicht auf dein Geheiß spalten, da ich am dritten Schöpfungstage geschaffen worden, du aber erst am sechsten. Aus demselben Grunde wollte die Sonne nicht dem Befehle Josuas gehorchen und weigerte